Der erste Teil der Geschichte der Abels / Five Songs ist hier nachzulesen:

István Kardos und die Five Songs.

Nachdem Kardos die Five Songs (die Original-Abels) im Mai 1932 verlassen hatte, übernahm deren Leitung der junge Komponist und Arrangeur Rudolf Goehr.

Anzeige im „Vorwärts“ vom 16.6.1931. Quelle: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

Goehr hatte zunächst in der ersten Jahreshälfte 1931 Pál Ábels „neue“ Abels übernommen und mit ihnen auf dem Label „Kristall“ weiterhin Platten unter dem Namen „Abel Quartett“ veröffentlicht. Auf anderen Plattenlabels taucht dieselbe Gruppe als die „Melody Gents“ auf. Nach dem Mai 1932 wechselte Goehr von den neuen zu den alten Abels, den Five Songs.

Wie um die Geschichte der Gruppe noch rätselhafter und verworren zu machen, nehmen die Five Songs in der zweiten Hälfte des Jahres 1932 mit Rudolf Goehr wieder einige Platten für das Label Kristall unter ihrem alten Namen, als Abel-Quartett, auf. Die Kontinuität liegt in der Person von Rudolf Goehr: nach seinem Wechsel von den Melody Gents/Abels zu den Five Songs wurde auf dem Label Kristall der Name seiner Gruppe beibehalten, obwohl die Besetzung eine andere war. So erklärt sich der Umstand, dass auf dem Label Kristall zwei verschiedene Gruppen als „Abel-Quartett“ zu hören sind: bis März 1932 die „Melody Gents“, ab Mai 1932 die Five Songs (also die Original-Abels).

Einige Hörbeispiele:

Die Melody Gents: Streichholz-Wachtparade (Januar 1932)

Die Melody Gents auf Kristall als Die Abels, Bianca (Oktober 1931)

Die Five Songs (die Original-Abels) auf Kristall: Irgendwo auf der Welt (August 1932)

Ende 1932 sind die Five Songs an dem Film „Ekstase“ mit Hedy Lamarr beteiligt: sie singen „Weinen wenn die Liebe dir Leid gebracht“. Fälschlicher- und unverständlicher- weise wurde dieser Auftritt lange den Comedian Harmonists zugeschrieben. Merke: nicht bei jeder guten Vokalgruppe handelt es sich um die Comedian Harmonists!

An Silvester 1932 gastieren die Five Songs im „Ronacher“ in Wien. Im Januar nehmen sie Platten mit Willi Forst, den Weintraub Syncopators, und Marek Weber auf, darunter am 30. Januar 1933 zwei Stücke aus der Paul-Abraham-Operette „Ball im Savoy“: „La Bella Tangolita“ und „Es ist so schön, am Abend bummeln zu geh’n“.

Eine der letzten Aufnahmen der Five Songs vom 30. Januar 1933 mit dem Orchester Marek Weber. Auch Marek Weber war Jude und ging ebenso wie die Five Songs und der Komponist des Stückes, Paul Abraham, kurz nach dieser Aufnahme ins Exil.

Im Februar 1933 nehmen die Five Songs in Berlin noch mindestens zwei weitere Stücke auf: zusammen mit Kurt Mühlhardt singen sie als anonymes Quartett „Grete ging im Wald spazieren“ (auf Kristall 7022 und 7023) und „Kikeriki“ (Kristall 7022). Danach verlassen sie Deutschland und gehen zurück nach Ungarn, während Rudolf Goehr sich für das Pariser Exil entscheidet.

Die Five Songs als anonymes Quartett auf einer ihrer bisher bekannten letzten beiden deutschen Aufnahmen.

Detaillierte Diskografien der Abels/Five Songs und der Melody Gents als „Abels“ sind in Band 1 und 2 von Wolfgang Schneidereits mehrfach erwähntem Werk zu finden.

In Budapest fanden die ehemaligen Five Songs einen neuen Pianisten und Arrangeur: György Gerő, geboren 1907. Gerő und drei der Five Songs, nämlich Balassa, Vigh und Révész, schlossen sich in Budapest zusammen und hatten einige Jahre lang als Triumph Együttes eine erfolgreiche Karriere als Radio- und Schallplattenstars. Feleki war nicht mehr Teil der Gruppe, er arbeitete mittlerweile als Kantor und Gesangslehrer, trat aber auch gelegentlich mit Liedern im ungarischen Rundfunk auf.

Die Triumph Együttes besingen ein Mädchen aus Pest: Pesti Lány
György Gerő im hellen Anzug am Flügel, daneben Tivadar Pallós mit seinen Pallós Ladies, dann Balassa, Vigh und Révész. Foto: MTVA Archivum
Juni 1935. Foto: MTVA Archivum

Ende der dreißiger Jahre war die Karriere der Triumph Együttes in Ungarn aufgrund der hinreichend bekannten Umstände beendet. Ihr Schicksal in den vierziger Jahren ist unbekannt, man weiß nur, dass György Gerős erste Ehefrau Margit Scheiber im Konzentrationslager Dachau umkam. Auch Felekis erste Frau Margit wurde ermordet. Vigh, Feleki, Révész und Gerő überlebten, vermutlich versteckt im Untergrund oder als Zwangsarbeiter, wobei Feleki einmal knapp der Deportation entging. Balassas Schicksal ist leider bisher ungeklärt. In der Datenbank ungarischer Shoahopfer des Dokumentationszentrums Yad Vashem wird der Name Jószef Balassa mehrere Male aufgeführt, alle dort gelisteten Träger dieses Namens haben überlebt. Allerdings ist die Datenbank nicht vollständig, es ist ungewiss, ob einer der Datensätze zu Balasssa gehört, und ich konnte bisher, im Gegensatz zu seinen Kollegen, noch keine Spur des Abels-Tenors im Nachkriegsungarn finden.

Vigh arbeitete nach dem Krieg wieder als Musikjournalist und Kritiker und veröffentlichte einige Bücher in Form fiktiver Tagebücher berühmter Komponisten, die im Corvina-Verlag Budapest erschienen: „Wenn Haydn ein Tagebuch geführt hätte“, „Wenn Tschaikowski ein Tagebuch geführt hätte“, „Wenn Schubert ein Tagebuch geführt hätte“ und „Wenn Schumann ein Tagebuch geführt hätte“.

Jenő Vigh (rechts, mit Brille) in einem Foto aus dem Jahr 1929
Kurz vor seinem Tod

Feleki war wie schon erwähnt Kantor und Gesangslehrer und trat jahrzehntelang häufig im Radio auf. Er unterrichtete an der Béla Bartók-Musikschule und war ungefähr zur selben Zeit wie Paul von Nyiri eine Zeitlang Solist des Honvéd Künstlerensembles. Sein langjähriger Mitarbeiter György Kármán erzählt: „Er sprach fließend Deutsch und war musikalisch und literarisch mit der deutschen Kultur vertraut.“ Bis zu seinem Tod 1981 war er Chefkantor und Lehrer im Rabbinerseminar in Budapest, der einzig verbliebenen Ausbildungsstätte für Rabbiner oder Kantoren in Osteuropa.

Feleki im Jahr 1947. Foto MTV Archivum
….und im Jahr 1953. Foto MTVA Archivum

Feleki (links oben) Anfang 1935. Foto MTVA Archivum

Es gibt von ihm einige spätere Gesangsaufnahmen mit klassischen Liedern (wie hier zum Beispiel Der Tod und das Mädchen, eine private Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1959) und mit hebräischen Gesängen wie dem folgenden, die 1977 auf der LP „Hebrew Melodies For Sabbath And High Holidays“ des Labels Hungaroton veröffentlicht wurden.

Von Imre Révész, der nach dem Krieg ebenfalls wieder als Kantor arbeitete, existieren zwei Aufnahmen aus den sechziger Jahren, die er in hohem Alter für die Anne-Frank-Gesellschaft einsang:

A Jiddische Mame, Imre Ben Révész
Shabbath-Ausklang, Imre Ben Révész

Jenő Vigh starb am 15. Mai 1960 und ist wie István Kardos auf dem Budapester Farkasréti temető begraben. Resző Feleki starb 1981 und ist mit seiner zweiten Frau, der Malerin Anni Gáspár, auf dem Jüdischen Friedhof in der Kozma utca beerdigt. György Gerő starb 1983 im Alter von 76 Jahren. Zu József Balassa und Imre Révész besitze ich leider im Augenblick keine weiteren Informationen.

Was aus Pál Ábel und Rudolf Goehr wurde lässt sich hier und hier nachlesen.


Ein großer Dank geht an Josef Westner für seine tatkräftige Unterstützung beim Versuch, das Wirrwarr um die neuen und alten Abels, die Five Songs und die Melody Gents zu entknoten.