„Ich bin zu Ende mit allen Träumen…“

(Franz Schubert, Winterreise, Im Dorfe)


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Der Baritonder unbekannte Radiostar

Fritz Angermanns Leben ist leider noch immer größtenteils unerforscht.  Er wurde am 5. Februar 1906 als Friedrich Christian Heinz Angermann in Gautzsch, Markkleeberg im Landkreis Leipzig als fünftes Kind des Lehrers Theodor Georg Wilhelm Angermann und seiner Frau Anna Maria (geb. Findeisen) geboren. Namentlich bekannt sind allerdings bisher nur seine Schwester Annemarie (geb. 1903) und sein Bruder Theodor Wilhelm (geb.1901). Die Ferien verbrachte Fritz Angermann oft bei der Familie seines Onkels mütterlicherseits in Ottendorf. Seine Schwester Annemarie scheint ebenfalls künstlerische Ambitionen gehabt zu haben, denn 1933 taucht ihr Name mit dem ihres Bruders im Theatergeschichtlichen Jahr- und Adressbuch auf.

Theodor Angermann und seine erste Frau Anna Maria, geb. Findeisen, im Jahr 1904 (Foto von K. Resak)

Anna Maria Angermann starb früh, und der Witwer heiratete 1920 in Leipzig Johanna Maria Witkowski, mit der er zwei Kinder hatte: Hans Siegfried Angermann, der am 19. Mai 1926 in Oberlungwitz in der Nähe von Zwickau geboren wurde, wo Vater Angermann mittlerweile als Lehrer arbeitete, und eine Tochter namens Inge. Anfang der dreißiger Jahre zogen die Angermanns nach Helminghausen bei Marsberg im Sauerland wo sie eine Gaststätte am Diemelsee betrieben. Das idyllisch gelegene Gebäude mit Blick auf den See wird heute unter dem Namen „Gruppenhaus Diemelkroon“ als Pension und Gruppenhaus genutzt. Theodor Angermann starb am 8. April 1940 in Helminghausen.

Leider ist über Fritz Angermanns Leben vor den Kardosch-Sängern wenig bis gar nichts bekannt. Ein undatierter Zeitungsartikel (siehe Bild weiter unten) erwähnt einen kaufmännischen Beruf, den er gegen den Willen des Vaters zugunsten des Sängerberufs aufgab. Man kann nur annehmen, dass es ihn wie Nyiri, Kardos, Coste und viele andere aufstrebende junge Künstler nach Berlin zog und die fünf sich dort auf irgendeine Weise kennenlernten.

Mit Angermann als Bariton, Nyiri als Bass und Coste als erstem Tenor (und später Schuricke als zweitem), waren die Kardosch-Sänger in jeder Stimmlage glänzend besetzt, und István Kardos verstand es zudem meisterhaft, die einzelnen Stimmen in Szene zu setzen. Fritz Angermann ist in vielen Stücken als Solist zu hören, zum Beispiel in „Wenn der Bobby und die Lisa“, „Ade zur guten Nacht“ und „Der kleine Postillon“.

Fritz Angermann, Willy Reichert und Paul von Nyiri. Foto von Julia Reichert.
Künstlerpostkarte (Sammlung M. Wunsch)

Auch nach dem Ende der Kardosch-Sänger war Fritz Angermann häufig im Rundfunk zu hören, Mitte der 30er Jahre oft zusammen mit seiner mutmaßlichen ersten Ehefrau, der Mezzosopranistin Johanna Angermann. Außerdem nahm er auch an mindestens einer von Willy Reicherts Künstlertourneen teil.

Fritz und Johanna Angermann lebten 1936 und 1937 zusammen in der Fredericiastraße 22 in Charlottenburg. Nach 1937 scheint ihre Zusammenarbeit bei Konzerten und für den Rundfunk zu enden, und auch gemeinsame Adresseinträge gibt es nun nicht mehr. Johanna bleibt in der Fredericiastraße, während Fritz Angermann zunächst in die Pariser Straße 24 zieht, und später in den Reichensteiner Weg 7.

Angermann war ein vielseitiger Sänger: Er war häufig mit klassischen Liedern zu hören, aber auch mit Melodien aus Opern und Operetten, und gelegentlich auch mit Tanzorchestern, wie zum Beispiel mit Joe Bund und seinem Orchester. Wie die anderen Kardosch-Sänger (mit Ausnahme von Schuricke) wandte auch er sich nach dem Ende der Gruppe jedoch hauptsächlich dem klassischen Gesang zu.

Dieser Zeitungsauschnitt unbekannter Herkunft und unbekannten Datums bietet einen kleinen Einblick in Fritz Angermanns Karriere nach den Kardosch-Sängern (zum Vergrößern anklicken):


Im Jahr 1940 spielte er eine kleine Rolle als Lazarettarzt in dem Film „Wunschkonzert“. 1939 und 1940 war er an einigen Rundfunkproduktionen als Solist beteiligt: eine „Sondersendung für Madagaskar“ des Deutschen Kurzwellensenders, und Aufnahmen der Operette „Der Liebestraum“ von Paul Lincke (leider nur unvollständig erhalten) und der Oper „El Matrero“ von Felipe Boero.


Signale für die musikalische Welt, Heft 5, 1940. Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Karin Resak
Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Frau Karin Resak

Am 2. Juli 1941 heiratete er in Trier Johanna Maria Heinz (geb. am 20. Februar 1905), die die Halbschwester des später recht bekannten Trierer Malers Guido Bidinger war. Trauzeugin war seine Schwester Annemarie, die zu der Zeit in Bremen lebte.

Fritz Angermann hatte das Glück, dank seiner produktiven Tätigkeit als Konzertsänger und im Rundfunk, wo er auch im Wunschkonzert für die Wehrmacht zu hören war, auf der Unabkömmlichkeitsliste für „Maler, Musiker, Architekten, Artisten, etc.“ zu landen, was bedeutete, dass er nicht zum Militärdienst eingezogen wurde. Ab 1944 jedoch blieben nur noch jene Künstler verschont, die es auf die berühmt-berüchtigte „Gottbegnadetenliste“ geschafft hatten.

Konzertankündigung vom 17. Januar 1943 aus: Staatliches Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz

Am 20. Januar 1943 gab Angermann einen Liederabend in der Singakademie mit Werken von Schubert, Beethoven, Kilpinen und Richard Strauß.

In einer Kritik der Berliner Volkszeitung zu diesem Liederabend heißt es: „Der Baritonist F.A. ließ mit einem erlesenen Liedprogramm, besonders mit Schubertscher Lyrik, die Möglichkeiten seiner vollen, geschmeidigen und vortrefflich geschulten Stimme erkennen. Seine gefühlsbetonte Art der Darstellung ist sehr sympathisch.“

Am 21. Oktober 1944 starb Fritz Angermann im Herz-Jesu Krankenhaus in Trier an einem Lungenabszess. Über die näheren Umstände seines Todes ist bisher leider nichts bekannt. Zur Zeit seines Todes war er mit seiner Frau im Haus ihrer Eltern in der Palaststraße 12 in Trier gemeldet. Man kann vermuten, dass er entweder schließlich doch zum Militär eingezogen wurde und an den Folgen einer Kriegsverletzung starb, oder aber bei den schweren Luftangriffen auf Trier im Herbst 1944 verwundet wurde.

Seine Stiefmutter und möglicherweise auch seine Halbgeschwister lebten zu der Zeit noch in Helminghausen, von wo sie aber Ende der 50er Jahre an einen unbekannten Ort verzogen.Seine Witwe Maria Angermann heiratete 1954 den Trierer Kaufmann Karl Johann Bethge und starb am 3. Dezember 1961.

Was aus Fritz Angermanns mutmaßlicher erster Frau, der Sängerin Johanna Angermann, wurde, ist bisher leider unbekannt. Im Jahr 1942 war sie mehrere Monate für die Truppenbetreuung in Norwegen unterwegs, bisher ihr letztes Lebenszeichen.


Bei der Erstellung dieser Biografie war mir Frau Karin Resak eine unschätzbare Hilfe. Außerdem danke ich Jan Grübler und Josef Westner für ihre Hilfe bei den Recherchen, sowie dem Standesamt der Stadt Trier und dem Stadtarchiv Markkleeberg für die freundliche Unterstützung. Weiterhin geht mein Dank an Detlef Köster, Helminghausen, für Fotos und Hinweise zur Zeit der Familie Angermann in Helminghausen.

Über weitere Hinweise zum Leben von Fritz Angermann würde ich mich sehr freuen!

Quellen: