„Oly korban éltem én e földön….“

(I lived upon this earth in such an age…)

Miklós Radnóti, Töredék


Kompositionen DiskografieKonzertliste

István Kardos – Versuch einer Biografie

István Kardos, der sich später im deutschen Sprachraum Stephan Kardosch nannte, wurde am 6. Juni 1891 in der Stadt Debrecen (damalige Schreibweise: Debreczen) in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie als Kind jüdischer Eltern geboren. Debrecen ist die zweitgrößte Stadt Ungarns und war im Laufe der Geschichte zweimal kurzfristig der Regierungssitz des Landes: 1849 kam in der dortigen Großen Reformierten Kirche der aus Pest geflohene ungarische Reichstag zusammen und rief die unabhängige ungarische Republik aus. In der Nähe der Stadt fand die entscheidende Schlacht statt, die die Revolution beendete. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war Debrecen erneut kurzfristig der Regierungssitz, nachdem die Stadt schon im Oktober 1944 von der sowjetischen Armee besetzt wurde.

Seit 1736 siedelten sich Juden in Debrecen an, die aber erst seit 1863 Eigentum erwerben durften. 1867 unterschrieb Kaiser Franz Joseph das Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, in dem es heißt: „Vor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich.“ Damit waren die die österreichischen Juden allen anderen Bürgern gleichgestellt. In Ungarn trat das Gesetz eine Woche später in Kraft. Damit begann die Blütezeit des österreichisch-ungarischen Judentums, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs andauerte. In diesem Gesetz ist die Loyalität der österreich-ungarischen Juden gegenüber der Habsburg-Monarchie begründet.

István Kardos‘ Eltern waren der Rechtsanwalt und Publizist Dr. Samuel (Samu) Kardos (1856 – 1924) und seine Frau Malvine, geborene Engländer (1863 – 1943). Neben ihrem Sohn István hatte das Ehepaar fünf Töchter: Gizella, Margit, Etelka, Piroska und Anna. Samu Kardos veröffentlichte 1905 eine Biografie des berühmten ungarischen Politikers und Reformers Miklós Wesselényi mit dem Titel Báró Wesselényi Miklós, élete és munkái, die im Jahr 2012 neu aufgelegt wurde.

István Kardos‘ Onkel war der bekannte Literaturhistoriker, Sprachwissenschaftler und Pädagoge Albert Kardos (1861 – 1945), der von 1913 bis 1921 Schulleiter am Staatlichen Realgymnasium in Debrecen und nach seiner Pensionierung von 1921 bis 1929 am von ihm gegründeten Jüdischen Gymnasium war, das bis in das Jahr 1944 hinein bestand. Als Pädagoge, aber auch als Herausgeber und Verfasser zahlreicher sprachwissenschaftlicher Werke, genoß Albert Kardos hohes Ansehen. Der Nachname der Familie lautete ursprünglich „Katz“, wurde aber 1884 im Zuge der Magyarisierung Ungarns zu „Kardos“ geändert: Auf die nicht-ungarisch-stämmigen Teile der Bevölkerung des Königreichs Ungarns wurde Ende des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger sanfter Druck ausgeübt, die magyarische Sprache und Nationalität anzunehmen, und es wurden im späten 19. Jahrhundert zahlreiche Orts- und Familiennamen geändert. Man kann aber davon ausgehen, dass die Familie Katz/Kardos sich wie die Mehrzahl der ungarischen Juden aus den oben genannten Gründen bereitwillig magyarisierte: István Kardos wurde sicher nicht zufällig nach dem ungarischen Nationalheiligen benannt!

In Debrecen besuchte István Kardos das neu erbaute Katholische Gymnasium, danach studierte er ab 1910 an der Franz Liszt Musik-Akademie in Budapest bei Viktor von Herzfeld Komposition und Chordirigieren. Parallel dazu absolvierte er auch ein Jura-Studium, entschied sich aber für die Musik als seine zukünftige Karriere.

Zeugnis der Musikakademie aus dem Jahr 1913: „Jeles“ (ausgezeichnet) in Komposition, Orchestrierung, Partiturlesen und Dirigieren. Erfreulich auch die Verhaltensnote: „lobenswert“! Mit freundlicher Genehmigung der Franz-Liszt-Musikhochschule in Budapest.
Die Musikakademie um das Jahr 1912 (Ansichtskarte)
…und im September 2021 (Foto: M. Wunsch)

Nach seinem Abschluss im Jahr 1913 arbeitete er zunächst als Musiklehrer. Nur wenige Wochen nach Erhalt seines Abschlusszeugnisses boten ihm die Eltern des damaligen Geigen-Wunderkindes Ibolyka Gyárfás auf Anregung von Jenő Hubay an, die Klavierbegleitung ihrer Tochter während ihrer bevorstehenden Tournee zu übernehmen. Hubay war Leiter der Violinenausbildung an der Musikhochschule, später ihr Direktor. Bei ihm studierten unter anderem die auch in Deutschland bekannten Geiger Barnabás von Géczy, Edith Lorand und Paul Godwin.

Im Februar 1973 berichtet Kardos über seine Erlebnisse während dieser Tournee in einem Artikel für die Zeitung Népszabadság. Die Tournee begann am 13. Oktober 1913 in Turin, und die beiden traten auch in Venedig auf, wo sie, wie Kardos sich erinnert, auf dem Lido durch den Schnee stapften. Er traf dort durch einen Zufall auf die Tochter der „Muse“ des ungarischen Dichters und Volkshelden der Revolution von 1848, Sándor Petőfi: sie war die Großmutter des jungen Mädchens, das beim Konzert in Venedig für den Klavierbegleiter des „Wunderkindes“ die Seiten umblätterte. Bei einer späteren Italienreise mit seiner Frau in den dreißiger Jahren versuchte er, sie wiederzufinden, zu der Zeit war aber nur noch die Enkelin am Leben. Kardos beschreibt die Begegnungen und Ereignisse der Italientournee unterhaltsam und mit feinem Humor. Petőfis Gedichte waren für ihn sehr bedeutungsvoll, und er vertonte im Laufe seines Lebens sehr viele von ihnen.

Ab 1917 arbeitete er als Dirigent und Korrepetitor an verschiedenen Theatern. Seit dem 4. November 1918 hatte er eine Stellung an der ungarischen Staatsoper als Korrepetitor und Chefbibliothekar inne.

Ungarn im Jahr 1919

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Union mit Österreich wurde in Ungarn im November 1918 die Republik ausgerufen. Das Land wurde zunächst von einer sozialistisch-bürgerlichen Regierung geführt, die aber an den Herausforderungen der Nachkriegszeit (soziale und wirtschaftliche Probleme aber auch territoriale Konflikte mit den Nachbarstaaten) scheiterte und von einer sozialdemokratisch-kommunistischen Koalition abgelöst wurde, die im März 1919 die Ungarische Räterepublik ausrief.

Die Folgen

Auch die Räterepublik war nur kurzlebig und brach nach der Besetzung Budapests durch rumänische Truppen während des Ungarisch-Rumänischen Krieges im August 1919 zusammen. In der Folge erlangte Admiral Miklós Horthy die Macht und etablierte eine autoritär-konservative Regierung mit starken anti-semitischen und nationalistischen Elementen. In der darauffolgenden Zeit des konterrevolutionären "Weißen Terrors" wurden zahlreiche Sympathisanten und Unterstützer der Räterepublik inhaftiert oder hingerichtet.

Kardos hatte seit seiner Jugend mit der Arbeiterbewegung sympathisiert, und viele seiner Kompositionen und Gedichtvertonungen aus der Zeit um 1918 spiegelten diese Neigung wider. Er vertonte beispielsweise das berühmte Gedicht „Proletár fiú verse“ („Gedicht eines Proletarierburschen“) von Endre Ady, außerdem zahlreiche Werke des oben erwähnten Dichters und Revolutionärs Sándor Petőfi, und des ebenfalls aus Debrecen stammenden Mihály Csokonai Vitéz. (Sein Onkel Albert Kardos hatte einige Jahre zuvor ausgewählte Gedichte von Csokonai und eine Petőfi-Gesamtausgabe herausgegeben.) Mit dem Ende der Räterepublik kam es zu einem ersten Karrierebruch für ihn: er wurde wegen seiner politischen Gesinnung aus seiner Stellung an der Staatsoper entlassen.

Von 1919 bis 1924 unterrichtete er an der 1903 von dem Musikpädagogen Ernő Fodor gegründeten privaten Fodor-Musikschule in der Budapester Andrássy út, die noch heute als Tóth Aladár Musikschule besteht.

Egyetértés, 13. November 1920

Anfang der 20er Jahre trat Kardos oft als Klavierbegleiter seiner späteren Frau, der Opernsängerin Olga Váradi, auf.

Im nebenstehenden Bericht über die „Erfolge des Komponisten Kardos István aus Debrecen“, den Sohn des Anwalts Dr. Samu Kardos, heißt es, seine „Lieder von Petőfi und Csokonai“ seien schon mehrfach in Deutschland und den Niederlanden zur Aufführung gekommen.

Die Debrecener Zeitung Egyetértés berichtet am 13.4.1920 über die Verlobung von István Kardos, Sohn von Dr. Samu Kardos aus Debrecen, Lehrer an der Budapester Fodor-Musikschule, der als Komponist, Musikschriftsteller und Übersetzer bekannt sei, mit der Opern- und Konzertsängerin Olga Váradi, die dem Ensemble des Medgyaszay Theaters angehöre.

Am 28. Januar 1921 gaben die beiden ein Konzert im Pesti Vigadó, dem prächtigen Konzert- und Ballhaus am Donauufer, bei dem sie Werke von Schubert, Brahms, Beethoven und Richard Strauß darboten, aber auch eigene Liedkompositionen von István Kardos. So sah das Programm aus, das wohl exemplarisch für viele ihrer Konzertabende der damaligen Zeit war:

  1. Beethoven, Ludwig van: Sechs Lieder von Gellert, op. 48
  2. Schubert, Franz: An die Musik, op. 88/4, D. 547
  3. Schubert, Franz: Schwanengesang, D. 957: 4. Ständchen
  4. Brahms, Johannes: An ein Veilchen, op. 49/2
  5. Brahms, Johannes: Minnelied, op. 71/5
  6. Kardos István: Die Brunnenschale
  7. Kardos István: A sirató ember dala
  8. Kardos István: Csak azért
  9. Lessner: Ölelve tartlak
  10. Lessner: Léda a kertben
  11. Strauss, Richard: Allerseelen, op. 10/8
  12. Strauss, Richard: Morgen, op. 27/4
  13. Strauss, Richard: Zueignung, op. 10/1
Das „Pesti Vigadó“ bei Nacht. September 2021. Foto M. Wunsch

Am 20. April 1922 heirateten István Kardos und Olga Váradi (ihr Name wird oft auch „Várady“ geschrieben, in amtlichen Dokumenten taucht jedoch meistens die Schreibweise „Váradi“ auf). Olga war am 23. Oktober 1893 in Ujpest geboren, das heute zu Budapest gehört, und wie ihr Ehemann jüdischer Abstammung.

Anzeige für Musik- und Gesangsunterricht bei der Opernsängerin Olga Várady und István Kardos, Komponist und Lehrer an der Fodor-Musikschule, vom 23. September 1923 in 8 Órai Ujság.

Kardos wohnte zu der Zeit in der Ráday utca 18 im Budapester Bezirk Belváros, seine Braut in der Teréz-körút 6, wo sie später gemeinsam lebten und auch privaten Musik- und Gesangsunterricht erteilten.

Zu Sandor Petöfis 100. Geburtstag schrieb der bekannte ungarische Dichter Árpád Tóth einen Einakter über Petőfi, der von einigen Liedern von István Kardos untermalt wurde. Das Stück mit dem Titel „Petőfi szülei“ (Petőfis Eltern) wurde vom 29. Dezember 1922 bis zum 20. Januar 1923 im Művész Színpad aufgeführt, einem kleinen literarischen Kabarett, das sich von 1922 bis 1925 in der Csengery út 68 befand und dessen musikalischer Leiter Kardos damals war. (Árpád Tóth hatte in Debrecen das Gymnasium besucht und zu Ehren von Albert Kardos ein Gedicht mit dem Titel „Köszönöm!“ – „Danke!“ verfasst.)

Das Vígszínház fotografiert im Oktober 2021. In der Seitenstraße rechts wohnte der berühmte Komponist Paul Abraham. Foto M. Wunsch

Seit Februar 1923 war Kardos Stellvertretender Kapellmeister am Vígszínház (Lustspieltheater) in Budapest.

Seit September 1925 lebte das Ehepaar in Deutschland, mit Ausnahme des Zeitraums vom September 1927 bis Juni 1928, wo Kardos als Kapellmeister am Theater der Stadt Bern arbeitete, während Olga dort ein Engagement als Sängerin hatte. Man kann vermuten, dass die politische Situation in Ungarn sowie die Anfang der zwanziger Jahre erlassenen anti-jüdischen Gesetze und zunehmende anti-semitische Strömungen zu ihrem Entschluss beitrugen, das Land zu verlassen. 1920 war zum Beispiel ein Gesetz in Kraft getreten, dass den Anteil jüdischer Studierender an den Hochschulen auf sechs Prozent begrenzte, der sogenannte Numerus Clausus. Darüber hinaus war es Juden fast unmöglich, im Staatsdienst zu arbeiten. Diese Gesetze waren einer der Gründe, warum es in den zwanziger Jahren viele junge ungarische Juden nach Berlin zog, vor allem da sehr viele von ihnen gut deutsch sprachen.

Der Bund Bern, 20.4.1928, Schweizer Nationalbibliothek
Der Bund Bern, 23.11.1928, Schweizer Nationalbibliothek
Der Bund Bern, 2.5.1927, Schweizer Nationalbibliothek

1929 oder ’30 übernahm Kardos in Berlin die musikalische Leitung des bekannten Abel-Quartetts, das nach dem Ausscheiden seines Gründers Pál Ábel als „Five Songs“ auftrat, eine Aufgabe, die er sich mit dem jungen Berliner Komponisten und Arrangeur Rudolf Goehr teilte. Die Abels/Five Songs nahmen zwischen 1928 und 1933 hunderte von Schallplatten auf und waren im deutschen Sprachraum die Vorreiter des Jazz-Vokalgesangs im Stil der amerikanischen Revelers. Obwohl die Gruppe zur Gänze aus ungarischen Sängern bestand, wurden sie in der Presse als „deutsche Jazz-Sänger“ oder auch „die deutschen Revellers“ beworben.

Die „Five Songs“, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Josef Westner.

Dieses Foto zeigt István Kardos (rechts oben) mit den „Five Songs“. Neben ihm Jenő Vigh, vorne Imre Révész, József Balassa und Rezső Feleki. Mehr zur Geschichte der „Five Songs“ gibt es hier.

Ungefähr ab Juni 1932 war Kardos musikalischer und geschäftlicher Leiter seiner eigenen Gesangsgruppe, der Kardosch-Sänger, die recht schnell für Filme, Bühnenauftritte und Schallplattenaufnahmen engagiert wurde. Vermutlich konnte Kardos auf die Kontakte, die er durch seine Arbeit mit den Five Songs geknüpft hatte, zurückgreifen, aber die Sänger, die er für seine Gruppe engagierte, überzeugten auch durch ihre stimmlichen Qualitäten, und in Kombination mit seinen Arrangements entwickelte sich ein unwiderstehlicher und unverwechselbarer Klang. Mit Nyiri, Coste und Angermann hatte Kardos drei hochklassige, gut ausgebildete Sänger gefunden, die aber auch genug Frische und Witz besaßen, um ihre Stücke mit Leichtigkeit und Charme zu vermitteln. Nyiri und Coste besaßen Bühnen- und Schauspielerfahrung, die sie mit hörbarem Enthusiasmus einsetzten, während Kardos die vier Stimmen meisterhaft führte: Paul von Nyiri, den beeindruckenden, tiefen Bass, Costes lyrischen, fast schwerelosen Tenor, Angermanns klangvollen Bariton. Die Stimme des bisher unbekannten zweiten Tenors scheint nicht ganz das Kaliber dieser drei gehabt zu haben, aber spätestens mit dem Einstieg von Rudi Schuricke im Herbst 1933, verfügte Kardos über ein Ensemble von konkurrenzloser stimmlicher Qualität.

Einige Monate lang exstierten beide Gruppen nebeneinander, aber nach der Machtergreifung der Nationalsizialisten gingen die ungarischen Mitglieder der Five Songs nach Budapest zurück, während Rudolf Goehr ins Pariser Exil ging. Zu ihren letzten deutschen Aufnahmen gehörten „Es ist so schön, am Abend bummeln zu geh’n“ und „La Bella Tangolita“ aus der Operette „Ball im Savoy“ des nun ebenfalls unerwünschten Paul Abraham, das sie am 30. Januar 1933 mit dem Orchester Marek Weber aufnahmen: damit waren alle Hauptbeteiligten an dieser Platte Juden – eine umwerfende Konstellation am Tag der Machtergreifung Hitlers. Kurz darauf waren Sänger, Komponist und Orchesterleiter im Exil.

Die Five Songs etablierten sich in Budapest unter der Leitung von György Gerő als „Triumph Együttes“ neu. Feleki allerdings war nicht mehr dabei und wurde Kantor.

Die Triumph Együttes 1936: stehend von rechts nach links: Imre Révész, Jenő Vigh, József Balassa, die Pallós Ladies. Am Klavier im hellen Anzug György Gerő, neben ihm Tivadar Pallós, der Leiter der Pallós Ladies (auch er hatte in Deutschland gearbeitet). Foto: MTVA Archivum

István Kardos jedoch blieb in Berlin, wo das Ehepaar zunächst in der Uhlandstraße 49 lebte. Im Juli 1934 konvertierte er zur Ungarischen Reformierten Kirche, seine Frau vollzog denselben Schritt im Mai 1939, möglicherweise unter dem Eindruck der 1938 und 1939 erlassenen neuen anti-jüdischen Gesetze in Ungarn. Als Ausländer gelang es ihm lange, seine jüdische Herkunft zu verbergen – mit ziemlicher Sicherheit sogar vor seinen Sängerkollegen – aber im Laufe der Jahre 1934 und besonders 1935 mit dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze, wuchs der Druck auf ihn, einen sogenannten Ariernachweis vorzulegen. Konzertagenturen und Veranstalter verlangten nun einen Mitgliedsausweis der Reichsmusikkammer. Noch im Dezember 1934 schloss das Konzertbüro Oscar Angerer in Stuttgart einen Vertrag mit „Herrn Kardosch und seinen Herren Sängern“ ab, und wie Kardos später berichtet, habe er Angerer in sein Geheimnis eingeweiht. Zwei damalige Bekannte des Ehepaars erklärten sie hätten die beiden im Herbst 1935 in einem sehr schlechten nervlichen Zustand angetroffen: Kardos hatte Ende Oktober eine polizeiliche Vorladung erhalten und war aufgefordert worden, binnen 30 Tagen einen Nachweis über seine arische Abstammung vorzulegen. Da Kardos als sogenannter getarnter Jude öffentlich künstlerisch tätig gewesen war – die Kardosch-Sänger waren nicht nur auf Konzertbühnen und im Radio zu hören gewesen, sondern auch in Filmen und sogar auf Parteiveranstaltungen aufgetreten – hatte er im Fall einer Enttarnung mit den schlimmsten Folgen zu rechnen. Eine solche Parteiveranstaltung war beispielsweise ein „Kameradschaftsabend“ für die Beamten, Angestellten und Arbeiter der Stadt Karlsruhe im Februar 1935, an dem die Kardosch-Sänger als Teil ihres Engagements mit Willy Reicherts Tournee-Ensemble teilnahmen.

Man kann sich nur vorstellen unter welchem Druck er in den Jahren 1934 und 1935 stand.

Das Ehepaar Kardos lebte mittlerweile – 1934 – in der Nürnberger Straße 3, wärend die Geschäftsadresse der Kardosch-Sänger nun die Joachimsthaler Straße 9 am Kranzler Eck war. (Dort befand sich eine Pension von Eberswald und es lässt sich vermuten, dass dort Räume als Büro angemietet waren, denn in einer Geschäftskorrespondenz taucht eine „Pension Kranzler“ als Adresse auf.)  Zum 1. Oktober 1935 meldete sich das Ehepaar Kardos von der Nürnberger Straße in eben diese Pension von Eberswald um; vermutlich gaben sie ihre Wohnung auf, weil sie bereits ihre Flucht planten.

Die Joachimsthaler Straße 9 um das Jahr 1934. Zumindest zeitweise Geschäftsadresse der Kardosch-Sänger und Zwischenstopp von Olga und István Kardos vor ihrer Flucht im November 1935.

Nicht nur stand Kardos unter dem Druck, den sogenannten Ariernachweis präsentieren zu müssen, er befürchtete auch, denunziert worden zu sein. Somit floh das Ehepaar heimlich aus Berlin.

„Im Oktober oder November 1935 bat mich Herr Kardos, sie möglichst sogleich aufzusuchen. Ich fand das Ehepaar in einem sehr schlechten Nervenzustand. Herr Kardos teilte mir mit, dass er zur Polizei vorgeladen war, wo ihm ein Termin von 30 Tagen gegeben wurde, um den arischen Nachweis zu liefern, widrigenfalls er und seine Frau das Reichsgebiet verlassen müssen. Er erwähnte auch, dass er befürchte, dass eine Anzeige gegen ihn erstattet wurde, und dass sie deshalb je eher, noch vor Ablauf der 30-tägigen Frist, aus dem Lande verschwinden müssen. Sie reisten sodann im Geheimen ab und zum Abschied begleitete ich sie zum Bahnhof.“ (Eidesstattliche Erklärung von Frau Hajnal Lengyel, Budapest, 1963)

Hajnal Pataki-Lengyel lebte seit Mitte der zwanziger Jahre in Berlin und freundete sich dort mit dem im selben Haus wohnenden Ehepaar Kardos an. Später heiratete sie den Architekten Kálmán Lengyel, und die beiden Ehepaare pflegten in Berlin freundschaftlichen Umgang miteinander.

Eine weitere Bekannte, die Witwe des Cellisten László Buttula, der mit István Kardos seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Musikhochschule befreundet war, gab ebenfalls im Jahr 1963 eine Erklärung für Kardos‘ Entschädigungsverfahren ab, in dem sie schreibt:

„Wir wanderten am Anfang der zwanziger Jahre, einige Jahre früher als Herr und Frau Kardos nach Berlin aus, wo ich beide kennenlernte. Es entwickelte sich zwischen uns eine gute Freundschaft und wir unterhielten einen häufigen Familienverkehr […]

 Im Herbst 1935 teilte er uns sodann sehr aufgeregt mit, dass er vom Polizeipräsidium wegen dem arischen Nachweis vorgeladen wurde und ihm eine Frist von einem Monat gegeben wurde um die arische Abstammung nachzuweisen, widrigenfalls seine Aufenthaltsbewilligung nicht verlängert wird und er das Land verlassen muss.

Da er bereits unter ständiger Gefahr seiner Enthüllung lebte und nunmehr auch seine Aufenthaltsbewilligung mangels des Ariernachweises nicht mehr verlängert wurde, musste er das Land verlassen und wir besprachen, dass er und seine Frau, um jedes Aufsehen zu vermeiden, im ganz geheimen abfahren werden. Etwa zwei Wochen nach der polizeilichen Vorladung reisten sodann Herr und Frau Kardos heimlich aus Berlin ab.“

Man kann davon ausgehen, dass die übrigen Mitglieder der Kardosch-Sänger nicht von seiner jüdischen Abstammung wussten. Seine Flucht zumindest traf sie unerwartet – er selbst berichtet in der schon erwähnten Erklärung für die Entschädigungsbehörde in Berlin im Jahr 1956, er habe sie erst später aus Budapest in einem Brief über die Umstände informieren können. Man kann annehmen, dass er ihnen seine Abstammung verheimlicht hatte, um sie im Falle einer Enttarnung zu schützen.

In jedem Fall konnten das Ehepaar nur das Nötigste mitnehmen, Kardos‘ Klavier gehörte nicht dazu. (Bekannte, bei denen er es zurückließ, verkauften es später. Es handelte sich um ein Klavier des Fabrikats „Lehmann“ aus dem Jahr 1932 zum damaligen Preis von 800 RM, möglicherweise hat es ja den 2. Weltkrieg in Berlin überlebt?)

Ende 1935 war das Ehepaar Kardos nach 10 Jahren wieder in Budapest. Aufgrund seines Erfolgs in Deutschland erhielt Kardos die Möglichkeit, zwei Aufnahmen im Odeon-Studio in der Vörösmarty út zu machen. Er stellte ein Quartett zusammen, das die beiden Titel „Keresek egy jó útitársat“ und „Barcelonában“ aufnahm. Den Aufnahmen war kein Erfolg beschieden, da sie wohl nicht dem ungarischen Zeitgeschmack entsprachen, sondern versuchten, den in Deutschland erfolgreichen Stil der Kardosch-Sänger auf den ungarischen Markt zu übertragen. Somit kam es leider zu keinen weiteren Plattenaufnahmen.  Außerdem wirkte das Kardos-Kvartett in der Budapester Uraufführung von Paul Abrahams Operette „Märchen im Grand Hotel“ im Februar 1936 mit. Abgesehen davon und von gelegentlichen Liederabenden bei denen er Olga oder andere Sänger*innen begleitete, hatte Kardos bis September 1936 kein nennenswertes Einkommen. 

Miskolci Reggeli Hírlap, 1. August 1936

Miskolci Reggeli Hírlap berichtet im August 1936 über ein Konzert mit Olga Váradi, István Kardos und László Szücs. Über Olga heisst es hier sie habe Engagements in Bern, Berlin und Osnabrück gehabt, während der Theaterdirigent, Symphoniker und Liedkomponist István Kardos als Gründer, künstlerischer Leiter und Dirigent des weltberühmten Kardos-Vokalensembles Hörern in Europa durch Radioauftritte und hunderte von Grammophon-Aufnahmen bekannt sei.

Von September 1936 bis September 1937 war er Kapellmeister beim Csokonai Theater in Debrecen, danach bis 1939 Aushilfskapellmeister ohne festes Engagement am Magyar Színház in Budapest.

Bereits nach dem Ende der kurzlebigen Räterepublik im Jahr 1919 war vom nachfolgenden Regime unter Reichsverweser Miklós Horthy in Ungarn eine anti-semitische Politik verfolgt worden. In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren kam es zu einer kurzfristigen Phase der Liberalisierung, aber in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre verschärfte sich die Lage der Juden durch neue antisemitische Gesetze in den Jahren 1938-1941 erneut. Ab 1939 war es Kardos unmöglich, eine Anstellung zu finden.

Anzeige für Unterricht in Jazz-Gesang und Klavier aus 8 Órai Ujság, September 1939

Er unterrichtete nun privat Jazz-Gesang, Klavier und Arrangement. Wie man aus der nebenstehenden Anzeige sehen kann, warb er damit, dass er der Leiter des berühmten Kardos-Gesangsquartetts war.

Mit dem Inkrafttreten der neuen anti-jüdischen Gesetze, die die Juden ähnlich wie im Deutschen Reich aus dem öffentlichen Leben gänzlich vertreiben sollten, konnte er allerdings nur noch illegalerweise und im Geheimen Unterricht erteilen. Zu dieser Zeit gab er hauptsächlich Akkordeon-Unterricht und seine Schüler waren größtenteils Arbeiter und Studenten, die die üblichen Preise für Musikunterricht nicht bezahlen konnten.

Am 26. Dezember 1940 konnte er noch bei einer Feier zum 50. Geburtstag der Sozialdemokratischen Partei als Pianist auftreten. 1941 stellte er erneut eine Jazz-Vokalgruppe, diesmal ein Trio, zusammen, das mit dem Orchester Solymossy Lulu vier Titel einspielte: „Egyszer Talán Megérzi“, „Lánc, Lánc, Eszterlánc“, „Az Egész Csak Egy Szívdobogás“ und „Nem Igaz Hogy Szeretem“.

Wer die Sänger der beiden Budapester Vokalgruppen (Kardos-Kvartett und -Trio) waren, ist leider bisher unbekannt.

Eine feste Anstellung oder regelmäßige Einkünfte besaß Kardos zu dieser Zeit nicht.

Im März 1944 wurde Ungarn von deutschen Truppen besetzt und es begann der nun planmäßige Vernichtungsfeldzug gegen die ungarischen Juden. Seit diesem Zeitpunkt war es Kardos endgültig unmöglich, irgendeine Beschäftigung auszuüben. Ab dem 5. April 1944 mussten er und Olga wie alle jüdischen Bürger den gelben Stern tragen. Am 16. Juni erließ der Bürgermeister von Budapest ein Dekret, das alle Budapester Juden verpflichtete, bis Mitternacht am 21. Juni in sogenannte „Sternenhäuser“ zu ziehen, die über die ganze Stadt verteilt und mit einem gelben Stern markiert waren. István und Olga Kardos mussten aus ihrer Wohnung in der Teréz körút 15 in ein solches Haus in der Andrássy út 21 ziehen.

Andrássy út 21, Foto M. Wunsch

Die Budapester Juden wurden in ungefähr 2000 solcher Sternenhäusern einquartiert. Heute erinnert an diesen Häusern größtenteils nichts mehr an ihre Geschichte. Die Juden sollten dort vor der Deportation gesammelt werden, jeder Familie stand ein Raum zur Verfügung.

Andrássy út 21, Foto M. Wunsch

Ende Oktober 1944 flohen Olga und István Kardos aus dem Sternenhaus – wenige Wochen vor der Errichtung des Budapester Ghettos – und hielten sich den Winter über bis zur Befreiung Budapests im Januar 1945 mit falschen Papieren verborgen. Eine Frau namens Irén Gonda, über die bisher noch nichts weiteres bekannt ist, hat ihnen in dieser Zeit geholfen.

22 Mitglieder der Familie Kardos fielen dem Holocaust zum Opfer, darunter auch István Kardos‘ Mutter Malvina und mindestens eine seiner Schwestern. Der eingangs erwähnte Onkel, Dr. Albert Kardos, wurde nach Österreich deportiert und starb am 9. Januar 1945 mit 83 Jahren in Göstling an der Ybbs. Auch seine Frau wurde deportiert und kam ums Leben. Ihr Sohn Pál, Istvan Kardos‘ Cousin, wie sein Vater Literaturwissenschaftler, Lehrer und Schriftsteller, musste Zwangsarbeit leisten und verlor neben seinen Eltern auch seine Frau Klára und seinen einzigen Sohn Ferenc. Beide wurden in der Nacht vom 12. auf den 13. April 1945 in Göstling ermordet: gegen drei Uhr morgens setzte die SS die Häftlingsbaracken in Brand und feuerte mit Maschinenpistolen und Granatwerfern auf die Eingeschlossenen und die wenigen, die aus den Baracken entkamen. Wie in vielen solcher Fälle wurden auch hier die Schuldigen nach Kriegsende nicht zur Verantwortung gezogen.

In Göstling gibt es eine Gedenkstätte in Form eines Obelisken für die ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter:innen, auf dem auch die Namen der Familie Kardos festgehalten sind.

Von den ungefähr 825 000 ungarischen Juden (einschließlich etwa 60 000 getaufter Juden wie Kardos) fielen ungefähr 565 000 dem Holocaust zum Opfer, die Mehrzahl wurde deportiert und vergast. Schätzungsweise 100 000 mussten Zwangsarbeit leisten: von ihnen starben etwa 40 000. Die Überlebenschancen der Budapester Juden waren höher als auf dem Land – in Budapest überlebten schätzungsweise 119 000 Juden, davon 25 000 die sich wie das Ehepaar Kardos mit falschen Papieren versteckt hielten.

István Kardos hatte Glück und kam mit dem Leben davon, aber nach 10 Jahren, in denen er nur unter großen Schwierigkeiten – wenn überhaupt – seinen Beruf als Lehrer und Dirigent hatte ausüben können, waren seine Existenz und seine Karriere zerstört und seine Familie größtenteils ausgelöscht. Er sah sich zum wiederholten Mal mit der Notwendigkeit konfrontiert, sich eine neue Existenz aufzubauen – nun mit Mitte 50 und als Überlebender des Holocausts.

Im Juli 1945 konnten er und Olga bei einem Kammermusikabend auftreten: zur Aufführung kamen Werke von Bartók und Hindemith, und Olga sang einige Liedkompositionen ihres Mannes, von ihm begleitet.

Nach Kriegsende war er Dirigent am Medgyaszay Theater, und begann, zeitweise fest angestellt, größtenteils freiberuflich, als Pianist für den ungarischen Rundfunk zu arbeiten, wobei es immer wieder zu interessanten Begegnungen kam: so begleitete er 1947 mindestens bei zwei Gelegenheiten den ehemaligen Five Songs-Sänger Rezső Feleki (der seit seiner Heimkehr 1933 als vielbeschäftigter Sänger, Gesangslehrer und Kantor in Budapest lebte) bei Radioauftritten.

Radioprogramm für den 11. November 1947. Foto MTVA Archivum

Feleki hatte seine Frau im Holocaust verloren. Das Los seiner früheren Abel-Quartett/Five Songs-Kollegen während des Holocausts ist noch nicht geklärt, man kann davon ausgehen, dass sie wie die meisten männlichen ungarischen Juden zur Zwangsarbeit deportiert wurden, oder, wenn sie Glück hatten, im Ghetto oder im Untergrund überlebten. Von Feleki, Vigh und Imre Révész weiß man zumindest, dass sie überlebten, József Balassas Schicksal ist noch unbekannt. Auch der Leiter ihrer Nachfolgegruppe, der Triumph Együttes, György Gerő, überlebte, jedoch wurde auch seine Frau ermordet.

Am 27. Januar 1950 begleitete István Kardos den ehemaligen Kardosch-Bass Paul von Nyiri bei einem Auftritt im ungarischen Rundfunk. Da sie sich in ähnlichen Kreisen bewegten, kann man davon ausgehen, dass sie sich gelegentlich begegneten. Anna Jeanette Nyiri wechselte in ihrem Entschädigungsverfahren zum selben Anwalt, der auch István Kardos vertrat, nämlich den Berliner Juristen Dr. Kurt Landsberger, der selbst 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung mit einem Berufsverbot belegt worden war, wie das Berliner Anwaltsblatt in seiner Ausgabe von Juli/August 2013 berichtet.

István Kardos begleitet Paul von Nyiri in einer Radioübertragung. MTVA archivum

Seit Februar 1945 war Kardos Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, die 1948 in der Magyar Dolgozók Pártja (Partei der ungarischen Werktätigen) aufging. Nach 1945 wurde er Mitglied des Kulturausschusses in der Textilgewerkschaft und war Gründungsmitglied und später Vizepräsident der Gewerkschaft der Musiker. Zu seinen Aktivitäten in Partei und Gewerkschaft gehörten in erster Linie die Durchführung kultureller und musikalischer Veranstaltungen. Ab November 1949 lehrte er als Dozent an der Franz Liszt Hochschule für Musik, eine Position die er 1951 als die Erfüllung einer jahrzehntelangen Sehnsucht bezeichnete.

Olga und István Kardos lebten nach dem Krieg in der damaligen Lenin körút 73 (heute: Teréz körút 19). Das Haus befindet sich direkt an der belebten Kreuzung Oktogon, im Zentrum Budapests.

Lenin körút 73 in den 50er Jahren (FOTO:FORTEPAN / Budapest Főváros Levéltára, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

In den 20er Jahren hatte Olga und István Kardos lebte Kardos nur wenige Häuser weiter in der Teréz körút 6 gelebt, und nach ihrer Rückkehr aus Berlin ab 1935 in der Nummer 15.

Teréz körút 19, Oktober 2021, Foto M. Wunsch
Foto M. Wunsch

Im Herbst 1956 fanden sich Olga und István Kardos im Zentrum der Kämpfe zwischen russischen Truppen und ungarischen Aufständischen:

Russischer Panzer in der Lenin Körút. Quelle: FOTO:FORTEPAN / Pesti Srác2, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons. Das Haus in dem die Kardos‘ lebten, ist das zweite Gebäude von rechts mit zwei Balkonen im 2. Stock
Ein Demonstrationszug zieht an der Lenin körút 73 vorbei.

Zwischen 1952-1963 unterrichtete er neben seiner Tätigkeit an der Musikhochschule an der Theater- und Filmakademie und gab zudem weiterhin privaten Musikunterricht.

Der Anfang eines Lebenslaufs den Kardos 1951 für die Musikakademie verfasste, mit Erlaubnis der Franz-Liszt-Hochschule für Musik, Budapest.

1952 veröffentlichte er seine „Harmonika Iskola“ (Harmonika-Schule). Außer an eigenen Kompositionen (Kammermusik, Lieder, Sinfonien, Chorwerke und zahlreiche Gedichtvertonungen bekannter ungarischer Dichter) arbeitete er auch an Übertragungen italienischer oder französischer Opern ins Ungarische, und übersetzte Liedtexte, hauptsächlich aus dem Russischen. Er beherrschte mindestens sieben Sprachen.

Auf der Seite archive.org gibt es einen Mitschnitt des Ungarischen Rundfunks aus dem Jahr 1956 von István Kardos‘ Piano Concerto #1.

Ein Bericht über ein Konzert mit einem Querschnitt seiner Kompositionen vom Sommer 1959 betont seine künstlerische Vielseitigkeit, Sensibilität, Kreativität und Experimentierfreudigkeit (erschienen in „Muzsika“ vom 1.8.1959: Kardos István. Szerzői estje, von Zsigmond László). Im Jahr 1962 kam seine Funkoper „Mátyás Diák“ zur Ausstrahlung. Neben seiner Arbeit als Komponist und Dozent veröffentliche er zahlreiche Artikel in Musikzeitschriften wie NyugatEsztendő, Zenelap und Zenei Szemle.

1971 erhielt er den Verdienstorden Munka Érdemrend in Gold für sein Lebenswerk. Im selben Jahr führte das Budapester MÁV Sinfonieorchester unter Leitung von Miklós Lukács (dem langjährigen Leiter der ungarischen Staatsoper) seine Vierte Sinfonie auf.

Foto: M. Wunsch

Er starb am 25. Dezember 1975 und ist auf dem Budapester Farkasréti Friedhof begraben.

Foto: M. Wunsch
Todesanzeige von Olga Váradi. Quelle: Ungarische Nationalbibliothek

Olga Váradi starb am 4. November 1978 „nach langem Leiden“. Kurz vor seinem Tod hatte ihr Mann per Anzeige eine Krankenschwester zu ihrer Betreuung gesucht.

István Kardos‘ Anträge auf Entschädigung bei der bundesdeutschen Regierung in den fünfziger und sechziger Jahren wurden alle abschlägig beschieden.

Nachruf auf István Kardos von seinem Kollegen István Raisc, in Muzsika vom 4. Januar 1976


Bei der Erstellung dieser Biografie war mir Herr Máté Hollós eine große Hilfe. Ich bedanke mich herzlich für seine Unterstützung, die Übersetzungen und die Erinnerungen, und nicht zuletzt dafür, dass er sich die Zeit nahm, mich zu István Kardos‘ Grab zu begleiten.

Außerdem danke ich der Franz-Liszt-Hochschule für Musik in Budapest für ihre freundliche und jederzeit entgegenkommende Unterstützung (mit besonderem Dank an Frau Luca Varga), sowie der Entschädigungsbehörde des Landes Berlin und dem Amtsgericht der Stadt Gernsbach.

Dank geht auch an Jenő Dizskár für einige interessante Hinweise und Details zu den ungarischen Aufnahmen, und an Josef Westner.

Außerdem Dank an Christof Janik von der Bröhan Design Foundation für die Hinweise zu Hajnal Pataki-Lengyel!

Quellen: