Der Zweite Tenor – die Stimme der Sehnsucht

Über Rudi Schuricke wurde in den vergangenen Jahrzehnten, anders als über die anderen Mitglieder der Kardosch-Sänger, ausgiebigst berichtet. Deshalb hier nur die Eckdaten seines Lebens, und einige Anmerkungen.

(Empfehlenswert ist die ausführliche Schuricke-Biografie von Josef Westner: „Ich sang in den finsteren Zeiten von der Sonne“.)

Geboren wurde er als Erhard Rudolf Hans Schuricke am 16. März 1913 in Brandenburg an der Havel und wuchs in Königsberg auf, wo sein Vater als Militärkapellmeister arbeitete. Auf väterlichen Druck – seine Mutter starb als er 15 war – absolvierte er eine Drogistenlehre, aber er wollte, wie so viele, Sänger werden. Mit einer eigenen Gesangsgruppe eiferte er mit ein paar Freunden den „Comedian Harmonists“ nach, die er sehr bewunderte. Mit gerade 20 Jahren entdeckte ihn István Kardos für seine Kardosch-Sänger und leitete damit die große Karriere von Rudi Schuricke ein.

Die bekannteste und weit verbreitetste Version über Schurickes Anfänge bei den Kardosch-Sängern berichtet, er sei bei einer Radiosendung im Oktober 1932 in Königsberg für den erkrankten zweiten Tenor eingesprungen.

Schuricke selbst erzählte, István Kardos habe ihn mit seiner Königsberger Gesangsgruppe „Schmidts Harmonisten“ im Königsberger Rundfunk gehört und daraufhin nach Berlin zum Vorsingen eingeladen, ihm in der Folge Gesangsunterricht gegeben und ihn später in seine Gruppe aufgenommen. Die erste Aufnahme mit Schurickes Beteiligung war „Hallo, kleines Fräulein“ mit dem Orchester Barnabas von Géczy.

Nach dem Ende der Kardosch-Sänger schloss sich Schuricke als zweiter Tenor den vermutlich Mitte oder Ende 1934 entstandenen Spree-Revellers an, die neben zahlreichen Platten als Refrainsänger mit bekannten Orchestern auch klavierbegleitete Stücke aufnahmen, beispielsweise das freche „Wer sich die Welt mit einem Donnerschlag erobern will“ oder die berühmten „Regentropfen“, oder auch Stücke, die zuvor bereits die Comedian Harmonists oder die Kardosch-Sänger aufgenommen hatten, wie „Sie trägt ein kleines Jäckchen in blau“ oder „Ich hab für dich ’nen Blumentopf bestellt“.

Autogrammkarte aus den dreißiger Jahren (Sammlung M. Wunsch)

Im Sommer 1936 war Schuricke als zweiter Tenor für das Meistersextett im Gespräch. Die in Berlin verbliebene „arische“ Hälfte der Comedian Harmonists hatte sich mit drei weiteren „rassisch unbedenklichen“ Sängern ergänzt, und es war zu Konflikten gekommen, weshalb man nun einen Tenor und einen Bariton suchte.

Laut Robert Biberti, dem Leiter des Meistersextetts, scheiterte Schurickes Engagement an den Einwänden des ersten Tenors Ari Leschnikoffs, der fürchtete, neben ihm auf der Bühne „klein“ zu wirken (Schuricke war über 1,90 m groß). Ein weiterer Grund, den Biberti anführte, waren Schurickes zahlreiche anderweitige Schallplattenverpflichtungen. Mit Herbert Imlau, dem Bariton, verloren die Spree Revellers dennoch eines ihrer Mitglieder an das Meistersextett. Zeno Coste, Schurickes früherer Kollege von den Kardosch-Sängern, sprang als Interims-Tenor ein, bis der bereits vertraglich verpflichtete Tenor Alfred Grunert nach seinem kurzfristigen Ausschluß wegen „Rassenschande“ wieder in die Reichsmusikkammer aufgenommen wurde.

Schuricke hingegen blieb zunächst bei den Spree-Revellers und gründete 1937 mit Helmut Krebs (der bald durch Horst Rosenberg ersetzt wurde) und Karl Golgowsky das „Schuricke-Terzett“ das neben klavierbegleiteten Stücken zahlreiche hörenswerte Platten mit bekannten Tanzorchestern aufnahm. Immer häufiger trat er auch als Solo-Refrainsänger auf und steuerte Gesang zu zahlreichen Filmen bei (eine unvollständige Auflistung findet sich in der Filmografie).

Rudi Schuricke singt in „Ein hoffnungsloser Fall“ aus dem Jahr 1939

Hier geht’s zu einer kleinen Schuricke-Playlist:

Zu hören sind Schuricke oder das Schuricke-Terzett mit den Orchestern von Michael Jary, Juan Llossas, Hans-Georg Schütz, Corny Ostermann, Erhard Bauschke und Hans Bund.

Schuricke in einer Revue im Variété „Plaza“. Bericht aus „Das interessante Blatt“ vom 19.5.1943. ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Pressung aus der Nachkriegszeit
Rudi Schuricke in „Heimweh nach Dir“, 1952

Seine „Capri-Fischer“ wurden in der Nachkriegszeit zum beliebtesten deutschen Schlager. Erstaunlicherweise wurde die Aufnahme aus dem Jahr 1943 bis weit in die Fünfziger Jahre hinein immer wieder neu auf Platten gepresst.

Pressung aus den frühen 50er Jahren

Selbst wer mit dem Namen „Rudi Schuricke“ nichts anzufangen weiß, kennt die „Capri-Fischer“.

Künstlerpostkarte.Sammlung M. Wunsch

Neben seiner Gesangskarriere versuchte sich Schuricke als Hotelier: so eröffnete er im Mai 1951 ein Hotel in Herrsching am Ammersee („Hotel Seespitz“), das er bis 1954 betrieb. Die zahlreichen Fotos die der Fotograf Georg Fruhstorfer bei der Eröffnungsfeier machte, sind dankenswerterweise gemeinfrei, hier nur eines davon:

Schuricke bei der Eröffnungsfeier seines Hotels. Quelle: Bayerische Staatsbibiothek

Die restlichen Fotos der Hoteleröffnung gibt es hier auf den Seiten der Bayerischen Staatsbibliothek.

Eine Postkarte mit einer Widmung an eine Verehrerin aus dem Jahr 1954 (Sammlung M. Wunsch)

In den Nachkriegsjahren war er einer der populärsten und vermutlich der produktivste Schlagersänger der jungen Bundesrepublik, wobei er mit seinen Liedern hauptsächlich die Sehnsucht nach Sommer, Sonne und Süden bediente. In den 60er Jahren geriet er etwas in Vergessenheit, was nichts an der Tatsache ändert, dass er von 1933 an eine feste Größe in der deutschen Unterhaltungsindustrie und eine oft gehörte Stimme im Radio und auf Schallplatten war.

Polydor Autogrammkarte aus dem Jahr 1957 (Sammlung M. Wunsch)

1964 kam es zu einer kurzzeitigen Wiedervereinigung des Schuricke-Terzetts: Für die LP „So Wirds Nie Wieder Sein“ wurden mit dem Orchester William Greihs einige der bekanntesten Lieder der Gruppe neu aufgenommen.

Ein Artikel in „Heim und Welt“ vom 16. Dezember 1969 thematisiert seine Verdrängung aus der Schlagerszene und seine Unternehmungen als Gastronom und Waschsalon-Besitzer, und wartet außerdem mit einer eigenwilligen Variante zur Entstehungsgeschichte der Kardosch-Sänger auf (rechts-klick, Bild in neuem Tab öffnen und dann vergrößern macht den Artikel lesbar):

Heim und Welt, 16. Dezember 1969
Auf der Insel Capri, Heim und Welt, 16. Dezember 1969
Heim und Welt, 16. Dezember 1969

1972 unternahm Schuricke den Versuch eines Comebacks und nahm für Polydor die James-Last-Komposition „So eine Liebe gibt es einmal nur“ auf.

Schuricke war fünfmal verheiratet und hatte vier Kinder. 1956 heiratete er seine letzte Ehefrau, Maria Elisabeth (genannt Marlis) Kohl (geb. 1939). In seinen letzten Lebensjahren musste er sich zahlreichen Operationen unterziehen. Er starb am 28. Dezember 1973 an einem Hirnschlag nach Komplikationen in Folge einer Gallenblasen-Operation. Sein Grab befindet sich in Herrsching am Ammersee.

Das Neue Blatt vom 25. Juli 1974

Zum 100. Geburtstag von Rudi Schuricke veröffentlichte Peter Glowasz im Jahr 2013 ein Hörbuch, bestehend aus einer 3-CD Box und einem bebilderten achtseitigen Booklet. Zu hören gibt es Musik aus allen Phasen von Schurickes Karriere, zum Teil seltene Aufnahmen, dazu Ausschnitte aus verschiedenen Interviews mit Schuricke, darunter das letzte Interview vor seinem Tod, Beiträge zu einigen seiner Filme, Werbung mit Rudi, einen Live-Mitschnitt, ein Interview des Autors mit Michael Schuricke aus dem Jahr 2013, Schilderungen seines Lebens und seiner Karriere, und ein Interview mit dem Schuricke-Experten Hans-Joachim Schröer. Das schön aufgemachte Hörbuch ist zu beziehen über Peter Glowasz‘ Webseite nostalgieradioweltweit.de.

Auf seiner Seite Peters Radioservice gibt es auch eine Radiosendung vom 4. Mai 2013 zu hören: „Der Komponist aus Rixdorf und sein Capri-Sänger – Erinnerungen an Gerhard Winkler und Rudi Schuricke“.

Der Herrschinger Spiegel berichtet am 3. März 2013 anlässlich seines 100. Geburtstages über den berühmten Einwohner des Städtchens.

Rudi Schuricke Fundstücke:

Interview mit Peter Glowasz
Schuricke singt die „Capri-Fischer“

Quellen: