Für István Kardos und seine Frau Olga Váradi sollen in den nächsten Jahren Stolpersteine an ihrer ehemaligen Adresse in Berlin verlegt werden.

Was viele nicht wissen: auch für überlebende Opfer der Nazi-Herrschaft können Stolpersteine verlegt werden. Auf der Webseite des Stolperstein-Projekts findet man dazu diese Erläuterung:

„Warum STOLPERSTEINE für überlebende Menschen?
STOLPERSTEINE sind Gedenksteine und keine Grabsteine. Sie sollen uns über die Schicksale der Menschen reflektieren lassen und vor allem Familien, die im Nationalsozialismus einst jäh auseinandergerissen wurden, im Gedenken wieder zusammenführen. Wir wollen zudem nicht darüber urteilen, wer Opfer der Verbrechen war und wer nicht. Das Leid eines Menschen, der sich verstecken, seine Heimat verlassen musste oder ein KZ überlebt hat, möchten wir nicht bemessen.
“ 


Ende 1934 lebte das Ehepaar in der Nürnberger Straße 3. Heute befindet sich dort das Parkhaus des Europacenters.

Die Nürnberger Straße war in den 20er und 30er Jahren ein Zentrum des Berliner Nachtlebens und sehr beliebt bei Künstlern und Schriftstellern. Nur wenige Schritte von der Wohnung des Ehepaars Kardos, an der heutigen Kreuzung Nürnberger/Budapester Straße, befand sich das berühmte Eden Hotel. Der Femina- und der Tauentzienpalast waren ebenfalls in unmittelbarer Nähe.

Blick auf die Tauentzienstraße und das KaDeWe

Von hier meldete sich das Ehepaar am 1. Oktober 1935 um in die Joachimsthaler Str. 9, (damals Joachimstaler Straße) und zwar nachweislich in eine Pension von Eberswald, die dort um diese Zeit existierte. Die Angelegenheit ist etwas verwirrend, denn in einer Geschäftskorrespondenz Ende 1934 taucht eine „Pension Kranzler“ an derselben Anschrift als Adresse auf, allerdings haben meine Recherchen bisher noch keine Pension dieses Namens um 1935 zu Tage gefördert. Es gab natürlich seit 1932 an eben dieser Stelle ein „Café Kranzler“. Meine Vermutung ist, dass es sich bei der „Pension Kranzler“ schlicht um die „Pension von Eberswald“ handelte, die im Berliner Branchenbuch von 1935 an dieser Adresse zu finden ist, und dass die Kardoschs zeitweise dort eine Geschäftsadresse hatten. Möglicherweise waren Räume als Büro angemietet?

Die Joachimstaler Straße 9, um 1934. Das Café Kranzler wurde an dieser Stelle 1932 eröffnet, die jüdische Firma Jacobowitz existierte bis 1936, was den Entstehungszeitraum des Fotos genau auf den Zeitraum eingrenzt, in dem die Kardosch-Sänger in Berlin Erfolge feierten und hier eine Geschäftsadresse hatten.

Bei ihrem Umzug in die Pension plante das Ehepaar Kardos natürlich schon seine Flucht aus Berlin – sperrige Wertgegenstände, darunter István Kardos‘ Klavier, wurden bei arischen „Freunden“ eingelagert, die sie später auf eigene Rechnung verkauften. Sich am Eigentum von Geflohenen zu bereichern war ja eine Art arischer Volkssport. Bei seinen Kardosch-Kollegen konnte er nichts lagern, da sie nichts von seiner geplanten Flucht (und vermutlich – zu ihrem eigenen Schutz – nicht einmal von seiner jüdischen Herkunft) wußten.

Und so sieht die Joachimsthaler Straße 9 heute aus. Im Innenhof befindet sich eine große Vogelvoliere.

Blick auf’s „Kranzler Eck“
Der Innenhof des Gebäudekomplexes
Blick auf die Rückseite des Komplexes und das Upper West.

Stolpersteine werden möglichst am letzten freiwillig gewählten Wohnort verlegt, daher in diesem Fall in der Nürnberger Straße und nicht in der Joachimsthaler Straße, die nur eine Übergangslösung vor der Flucht aus Berlin war.

Informationen zu den Stolpersteinen:

Stolperstein-Projekt von Gunter Demnig

Stolpersteine in Berlin