„Gibt die Welt dir eine Chance, gib nur Acht auf die Balance…“

Die Kardosch-Sänger, Wenn der Bobby und die Lisa


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István Kardos

„Vollendete Harmonie“

Mitte 1932 gründete der Ungar István Kardos in Berlin ein Gesangsensemble. Er lebte seit einigen Jahren mit seiner Frau, einer Opernsängerin, in Deutschland und hatte an verschiedenen Theatern als Kapellmeister gearbeitet, bevor er um 1930 die zeitweise Leitung des bekannten Abel-Quartetts übernahm. Die Abels, eine komplett ungarische Gruppe, hatten noch vor den Comedian Harmonists im August 1928 begonnen, in Berlin Platten im Stil der amerikanischen Revelers aufzunehmen. Nachdem ihr Gründer und musikalischer Leiter, Pál Ábel, Berlin verlassen hatte, teilten sich István Kardos und der junge Berliner Komponist und Arrangeur Rudolf Goehr die Aufgabe als Pianist und Arrangeur der Gruppe, die nun überwiegend als die „Five Songs“ auftrat.

Obwohl die Five Songs in der Schallplattenindustrie gefragt und gut im Geschäft waren, stellte Kardos im Laufe des Jahres 1932 sein eigenes Ensemble zusammen. Er hatte sicherlich den Ehrgeiz, seine eigenen Vorstellungen mit einer Gruppe, die seinen Namen und seine musikalische Handschrift trug, zu verwirklichen, und auch finanzielle Überlegungen dürften eine Rolle gespielt haben: als ständiger Leiter seines eigenen Ensembles waren seine Verdienstmöglichkeiten besser als in seiner Position bei den Five Songs. Möglicherweise war ihm auch klar, dass die Zeit der Five Songs in Berlin aufgrund der politischen Entwicklungen ihrem Ende zuging, denn alle Mitglieder der Gruppe waren Juden. Er benutzte im deutschen Sprachraum meistens die eingedeutschte Version seines Namens, Stephan Kardosch, also nannte er seine Gruppe schlicht: Die Kardosch-Sänger.

Er fand eine Riege begabter junger Sänger, die es wie so viele ehrgeizige Künstler aus allen Richtungen nach Berlin verschlagen hatte:

Paul von Nyiri, der Bass
Fritz Angermann, der Bariton

Der Name des zweiten Tenors der Anfangsbesetzung ist bisher leider nicht bekannt.

Zeno Coste, der erste Tenor

Paul von Nyiri stammte wie Kardos aus Ungarn und hatte bereits als Bass auf Opernbühnen in Prag und Budapest gestanden. Zeno Coste, ein 25jähriger Rumäne aus dem Banat, hatte schon einige Platten als Solo-Sänger oder mit der Gesangsgruppe „Die Parker“ aufgenommen. Auch in drei Filmen hatte er schon gesungen. Der Bariton Fritz Angermann war in der Nähe von Leipzig geboren.

Der zweite Tenor

Die Karriere der Kardosch-Sänger beginnt eigentlich mit einem heute verschollenen Film: „Ja, treu ist die Soldatenliebe“, der am 3. August 1932 im Titaniapalast und im Primuspalast in Berlin Premiere feierte. Erst fünf Tage später, am 8. August, nehmen sie mit dem Orchester Hans Schindler ihre erste Schallplatte auf: das Schlagerpotpourri „Einfach fabelhaft!“ In den nächsten Monaten folgen weitere Aufnahmen mit den Orchestern von Hans Schindler und Adalbert Lutter, zum Beispiel:

„Bei dir weiß man nie“ (Schindler), „Du du dudl du du“ (Lutter), „Was fang ich an mit meiner Sehnsucht“ (Lutter), „Kleine Frau, was nun?“ (Schindler, mit Gesang von Eric Helgar und den Kardosch-Sängern), „Margarete“ (Lutter) und „Wir kurbeln an“, ein weiteres Schlagerpotpourri mit dem Orchester Hans Schindler, bei dem die Kardoschs mit den beiden beliebten Refrainsängern Erwin Hartung und Eric Helgar im Studio stehen.

Im Oktober 1932 nahmen sie ihre lebhafte Version des Heymann-Gilbert Schlagers „Irgendwo auf der Welt“ aus dem Film „Ein blonder Traum“ auf , die den Vergleich mit der Version der Comedian Harmonists durchaus nicht zu scheuen braucht (und vielleicht sogar gewinnt). Der Schlager wurde im Übrigen schon im Juli 1932 vor den Comedian Harmonists auch von den Five Songs aufgenommen. Die Version der Kardosch-Sänger unterscheidet sich ganz grundlegend von der der Comedian Harmonists. Der Beweis, dass sie keineswegs eine bloße Kopie der Konkurrenten waren, sondern vielmehr ihren ganz eigenen Stil verfolgten, war damit schon früh erbracht. Die einfallsreichen Arrangements und die Klavierbegleitungen von István Kardos verliehen den Kardosch-Stücken ihre ganz besondere, eigene Qualität mit hohem Wiedererkennungswert. Außerdem entstand am selben Tag wie „Irgendwo auf der Welt“ eine mitreißende Aufnahme bei der die Kardosch-Sänger eine amerikanische Jazz-Sängerin namens Louise Gordan begleiten: „Dir möcht ich mich gerne anvertrau’n.“

Weitere Filme, zu denen die Kardosch-Sänger im Jahr 1932 Gesang besteuerten waren „Moderne Mitgift“ und „Grün ist die Heide“ mit Premieren im August und November 1932.

Werbung im Vorwärts, November 1932. Die Kardosch-Sänger sind auch an der späteren Verfilmung des Stücks mit Max Hansen, Magda Schneider und Adele Sandrock beteiligt.

Ab dem 23. November 1932 stehen die Kardosch-Sänger für die Eduard-Künneke-Operette „Glückliche Reise“ unter der musikalischen Leitung von Hans Schindler zusammen mit den Stars Lizzi Waldmüller und Ernst Verebes auf der Bühne des Kurfürstendamm-Theaters („Die Kardosch-Sänger haben eine wirkungsvolle Nummer“ schreibt die Vossische Zeitung am 24. November 1932).

Für eine Aufnahmesitzung am 24. Oktober 1932 (um 18.30 Uhr) erhalten sie noch 180 RM pro Titel. Einen Tag nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, am 31. Januar 1933, unterschreiben sie einen Exklusiv-Vertrag mit der Deutschen Grammophon: bis Mai 1933 sollen sie „mindestens 8 Soloaufnahmen à RM 250“ sowie mindestens acht Refrainaufnahmen (für die es je 75 RM gibt) aufnehmen. Dazu sollen noch einige Potpourris à 100 RM kommen. Es ist der Gruppe gestattet, Refrainaufnahmen – nicht aber Soloaufnahmen – auch für andere Firmen aufzunehmen, sie müssen die Titel jedoch zunächst der Deutschen Grammophon anbieten.

István Kardos fungierte als Geschäftsführer für die Gruppe: er erledigte die Korrespondenz, kümmerte sich um Verträge und Tourneeplanung und besorgte natürlich alle Arrangements. 28% der Einkünfte fielen ihm zu, während die vier Sänger jeweils 18% bekamen.

Geschäftsadresse der Kardosch-Sänger in den Jahren 1932 und 1933 war die Uhlandstrasse 49, die damalige Privatadresse des Ehepaars Kardos, später eine Pension Kranzler in der Joachimsthalerstraße 9. Allerdings gab es dort zwar ein Café Kranzler aber keine Pension mit diesem Namen. Es existierte jedoch eine Pension von Eberswald, die vermutlich mit Pension Kranzler gemeint sein dürfte.

Auf Tour 1932 oder ’33: Paul von Nyiri, Fritz Angermann, István Kardos, Zeno Coste und der unbekannte zweite Tenor

1933 sind die Kardosch-Sänger an weiteren Filmen beteiligt: „Tausend für eine Nacht“, „Keinen Tag ohne dich“, „Roman einer Nacht“ und „Glückliche Reise“. Leider sind die meisten dieser Filme verschollen oder, im günstigsten Fall, extrem schwer zu finden. In „Roman einer Nacht“ sieht man die einzige überlieferte Filmaufnahme der Kardosch-Sänger: sie singen auf einem Ball die Titel „Roman einer Nacht“ und „Ein kleines bisschen Liebe“, begleitet vom Orchester Lewis Ruth (das mittlerweile wieder „eingedeutscht“ als „Kapelle Ludwig Rüth“ auftritt). Zwischen Zeno Coste und Fritz Angermann sieht man den bisher namenlosen ersten zweiten Tenor der Gruppe.

In „Roman einer Nacht“: Coste, der namenlose zweite Tenor, Angermann und Nyiri

Die Dreharbeiten zu „Roman einer Nacht“ fanden am 16. Juni 1933 in München statt und die Gage betrug 400 RM. Der Vertrag mit der Atalanta-Film Gesellschaft vom 30. Mai 1933 enthält als besondere Vereinbarung die Klausel: „In der Reklame werden wir genannt“. Leider ist das im Illustrierten Filmkurier (Heft 655) nicht der Fall.

Zur Uraufführung des Films stehen die Kardosch-Sänger am 22. August 1933 im Berliner Capitol auf der Bühne:

Das ganze Jahr 1933 hindurch stehen sie weiterhin für Refrainaufnahmen mit bekannten Orchestern aber auch für zahlreiche Soloaufnahmen im Aufnahmestudio. Es entstehen zum Beispiel ihre Version von „Stormy Weather“ oder Dvořáks „Humoreske“ – zwei weitere Titel, bei denen sich der direkte Vergleich zu den Versionen der Comedian Harmonists aufdrängt. Besonders die „Humoreske“ ist ein Glanzstück der Kardosch-Sänger, mit dem Höhepunkt ab Minute 1:10 wo Nyiri und Angermann ihre Qualitäten beweisen:

Am 9. September treten sie bei einem bunten Abend mit dem Frankfurter Rundfunkorchester auf, der im Radio übertragen wird.

Im Oktober 1933 kommt es zur ersten und einzigen Umbesetzung in der Gruppengeschichte: der 20jährige Rudi Schuricke ersetzt den bisher namenlosen zweiten Tenor. Darüber wie es zu Rudi Schurickes Einstieg bei den Kardosch Sängern kam, existieren verschiedene Versionen. In der bekanntesten sprang Schuricke kurzfristig für eine Radiosendung in Königsberg für den erkrankten zweiten Tenor ein. Schuricke selbst erzählte, István Kardos habe ihn in einer Radiosendung mit seinem Gesangsquartett, „Schmidts Harmonisten“, gehört, zum Vorsingen nach Berlin eingeladen und ihm dann Gesangsunterricht gegeben und in seine Gruppe aufgenommen.

In jedem Fall, und ohne seinem unbekannten Vorgänger zu nahe treten zu wollen, war Schurickes Einstieg eine Bereicherung für die Gruppe.

Zwischen Angermann und Nyiri: die beiden „langen Kerls“, Schuricke und Coste

Die erste Aufnahme mit seiner Beteiligung war vermutlich „Hallo, kleines Fräulein“ mit Barnabás von Géczy und seinem Orchester Anfang Oktober 1933. Barnabás von Géczy war, wie so viele andere erfolgreiche Musiker im Berlin der dreißiger Jahre, ungarischer Abstammung und wie Kardos Absolvent der Musikhochschule in Budapest. Ohne die vielen ungarischen Musiker wäre der viel-bewunderte „Sound“ der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre in Berlin ein anderer gewesen.

In den nächsten Monaten entstehen unter anderen die Aufnahmen „Ade zur Guten Nacht“ (mit István Kardos als Dirigent des begleitenden Orchesters), „Die Sonja vom Ural“ und das bezaubernde „Schmetterlinge im Regen“, bei dem Bass Paul von Nyiri und Tenor Zeno Coste glänzen können, aber auch István Kardos mit einem charmanten Arrangement voller Witz und guter Einfälle.

Neben Deutschland waren die Kardosch-Sänger auch in den Niederlanden und Dänemark auf Tourneen und im Radio zu hören.

Im Winter 1933 haben die Kardosch-Sänger ein Engagement am Wintergarten in Berlin:

Eine Vorstellung im Wintergarten in den dreißiger Jahren

Anschließend werden sie von Willy Reichert für seine Künstlertournee engagiert. Seit 1932 tourte der Humorist Willy Reichert, ab 1933 künstlerischer Leiter am Friedrichsbau in Stuttgart, regelmäßig mit einem Unterhaltungsprogramm durch Deutschland, für das er Künstler aus verschiedenen Sparten anwarb, so zum Beispiel den Pianisten Hubert Giesen, den Tenor Herbert Ernst Groh, die Tänzerin Lydia Wieser, die Pianistin Aleida Montijn, oder eben auch die Kardosch-Sänger. Auch Oscar Heiler, der langjährige Sketch-Partner von Willy Reichert, war Anfang der Dreißiger Jahre schon mit von der Partie. Als Veranstalter fungierte das Konzertbüro Oscar Angerer in Stuttgart. Die Reichert-Truppe war bis 1941 in den ersten drei Monaten jedes Jahres unterwegs, Anfang 1934 mit vielen Terminen in Süddeutschland.

Freiburger Zeitung, 5. Januar 1934, Universitätsbibliothek Freiburg i. Br.
Werbung in der „Badischen Presse“ am 29.12.1933. Digitale Sammlungen der Badischen Landesbibliothek

Mittelbadischer Kurier, 4. April 1934. Digitale Sammlungen der Badischen Landesbibliothek

Der Badische Beobachter schreibt am 6. Januar 1934 über ihren Auftritt in Karlsruhe:

„Die Kardosch-Sänger hat ihr Weg über London, Brüssel und Berliner Wintergarten nach Karlsruhe geführt. Ein modernes Gesangsquartett mit humorvollen fein abgestimmten Darbietungen. Sie haben etwas von den Donkosaken und den Comedian Harmonists an sich in ihrer stimmlichen Vielseitigkeit. Das summt und singt, die menschliche Stimme wird zum Musikinstrument, scheinbar mühelos fügt sich alles zu vollendeter Harmonie.“

Ausgerechnet Der Führer, das Organ der badischen NSDAP, schreibt am 6. Januar über denselben Auftritt begeistert:

„Sehr distinguiert und elegant traten die ausgezeichnet singenden Kardosch-Sänger auf, es ist eine Freude, ihnen zuzuhören, das Schubertsche Ständchen war ein wirklicher musikalischer Genuß, originell auch die russische Imitation ‚Die Sonja vom Ural‘.“

Auch die Freiburger Zeitung reagiert am 8. Januar enthusiastisch auf ihren Auftritt und nennt sie ein „virtuos geschultes Quartett“:

„Vor ausverkauftem Hause betrat am Freitag Willy Reichert die Bühne, um schwäbischen Humor wärmend leuchten zu lassen […] Zwischen seine Vorträge schieben sich Darbietungen verschiedener anderer Gäste, durchweg begabter, ja ungewöhnlich hochstehender Sänger, eines Klavierkünstlers, einer Tänzerin […] Die Kardosch-Sänger unter Leitung von Professor Kardosch, ein virtuos geschultes Quartett, nähern sich […] den ehemals von ganz Deutschland begrüßten Leipziger Sängern, d. h. den besten, den vollkommensten dieser reisenden Künstler“

Aus der Reklame für eine Reichert Tournee

Der folgende Ausschnitt aus der Reichert-Biografie von Horst Jaedicke, Er wollte alles außer Schwäbisch, bietet einen interessanten Einblick darüber wie eine solche Tournee ablief:

„Für seine jährlichen Städtetourneen hatte Reichert ein ganz ungewöhnliches Konzept entwickelt, das als ‚Besinnung und Heiterkeit‘ seinen Charakter erkennen lässt […] Da waren zum Beispiel die Kardosch-Sänger, allgemein als Nachfolger der Comedian Harmonists angesehen, denen bekanntlich die Nazis den Garaus gemacht hatten. Ein Musikprofessor aus Ungarn hatte unter seinem Namen eine Künstlertruppe zusammengestellt, bei denen der kraftvolle Bass eines Paul von Nyiri die tiefen Töne und ein Bilderbuchtenor, stets mit einem Monokel im Auge, die hohen Töne beisteuerte. Der junge Mann hieß Rudi Schuricke (der sich später die Deutschen mit seinen ‚Capri-Fischern‘ vor die Füße legte). Dieses Männerquartett brachte neben Beschwingtem viel Schwermütiges ein, nach dem das folgende Pointenfeuerwerk besonders prächtig funkelte. Agent Oskar Angermann hatte das Planen und Durchführen von Künstlertourneen in den Fingerspitzen…“

Und weiter heißt es:

„Frühbucher bekamen, wie man wusste, die besten Veranstaltungsorte, allerdings zu saftigen Preisen. Spätkommer zahlten weit weniger, aber entsprechend waren meist auch die Häuser. Genau dazwischen galt es, die optimale Lösung zu finden. Leider taten die Austragungsorte den Künstlern nicht den Gefallen, schön nebeneinander zu liegen. Die Reichert-Tourneen bewegten sich in wildem Zickzackkurs durch Deutschland. […] Und das nicht nur auf bequemen Autobahnen, sondern auf Reichsstraßen, die zwar Erster Ordnung waren, sich aber ihrer Frostaufbrüche wegen, oft als Straßen erster Unordnung zeigten. Bei der Ankunft am Spielort wurden umgehend Bühne und Garderoben inspiziert…“

(aus: Horst Jaedicke: Willy Reichert. Er wollte alles, außer Schwäbisch. Eine Biografie, Hohenheim, 2010)

Fritz Angermann und Paul von Nyiri mit Willy Reichert. Vielen Dank für das Foto an Julia Reichert!

Das Repertoire der Kardosch-Sänger umfasste deutsche Tanz- und Tonfilmschlager, Volkslieder und Parodien, aber auch deutsche Versionen internationaler Titel wie zum Beispiel „Waitin‘ at the gate for Katy“ (Käti) und das ein- oder andere Schlagerpotpourri. Eine ihrer interessantesten Aufnahmen ist zweifellos „Wer hat Angst vor dem bösen Wolf“ mit dem Orchester Hans Bund.

Eine Seite aus Zeno Costes Erinnerungsalbum

Den Comedian Harmonists war es seit März 1934 unmöglich in Deutschland aufzutreten, und auch aus dem Rundfunk und den Schallplattengeschäften waren sie im Zuge des infamen Vernichtungsfeldzugs der Nazis gegen jede Art jüdischer Beteiligung am Kulturleben stillschweigend „verschwunden“. Die Kardosch-Sänger sollten sie in gewisser Weise ersetzen – man hielt sie für „rassisch unbedenklich“ da die jüdische Herkunft ihres Gründers und Leiters bisher noch unbekannt war.

Anfang 1934, während die Kardosch-Sänger mit Willy Reichert auf Tour sind, wird das letzte für den 8. März geplante Konzert der Comedian Harmonists in der Berliner Philharmonie ohne Angabe von Gründen abgesagt – am 25.März geben sie in Hannover ihr letztes Konzert in Deutschland. In der Vossischen Zeitung erscheint am 6. März ein Aufruf des „Reichspropagandaministers“, der die Landesregierungen daran erinnert, dass noch immer Nichtarier auf deutschen Bühnen auftreten. Es folgt eine Ermahnung zu strengen Kontrollen der für ein öffentliches Auftreten notwendigen Fachschaftsausweise, und der „Minister“ schließt mit dem an Heuchelei fast nicht zu übertreffenden Satz: „Es darf nicht dahin kommen, dass sich das Publikum gegen das Auftreten von Elementen, von denen es bereits befreit zu sein glaubte, mit Selbsthilfe zur Wehr setzt.“

Pflichtgemäß fragt somit auch ein Vertrag mit der Konzertdirektion Erich Knoblauch über drei Konzerte in Dresden im Dezember 1934 ob alle Herren im Besitz „des Ausweises einer Fachschaft“ seien.

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Die Gage für jeden der drei geplanten Auftritte in Dresden betrug 40% von der Bruttoeinnahme (nach Abzug der Steuern), garantiert 300 RM pro Abend.

Weiterhin fragt Direktor Knoblauch an, ober er „für fünf Herren 3 Tage zu Künstlerpreisen“ im Europahof buchen solle und ob der „Herr Professor“ den Flügel betreffend an ein bestimmtes Fabrikat gebunden sei?

Über das erste Dresdner Konzert schreiben die Dresdner Neuesten Nachrichten am 15. Dezember 1934:

Die Kardosch-Sänger

Die Genealogie ist klar und leicht zu übersehen, sie kommen von den Comedian Harmonists her, die ihrerseits wieder auf die Revellers zurückgehen. Eine so feine Abstammung sichert ihnen das Interesse des Publikums, aber auch einen strengen Maßstab.

Nun, die Kardosch-Sänger können ihn vertragen. So sehr sie singen wie jene, so singen sie doch gut und manches auf eigene Weise.

Die Comedian Harmonists muss man zum Vergleich heranziehen, weil sie sehr populär waren und weil es für diese Art von Männerchor mit Klavier noch keine rechte Klassifizierung gibt. Die Kardosch-Sänger werden mit der wachsenden Popularität, die ihnen auf Grund ihres Könnens sicher ist, das überflüssig und jene vergessen machen. Sie werden in der populären Musik bald einen festen Begriff bilden.

Sie sind glänzend aufeinander eingesungen, über die gewagtesten harmonischen Rückungen gleiten sie sicher hinweg wie Fische über Stromschnellen, sie sind rhythmisch so gelöst und gelockert, daß sie kleine und große Akrobatenstücke des freien Vortrags mit Eleganz ausführen können, und haben auch ein Stück Komödiantentum in sich, mit dem sie das, was sie singen, auch gestisch verdeutlichen. Am Flügel sitzt Stephan Kardosch, der ihnen als musikalischer Bearbeiter Wort und Weise in den Mund legt und mit zartem Anschlag illustriert.

Kleine Einwendungen ergeben sich bloß bei den Volksliedern, denen sie alle Naivität nehmen, deren Bearbeitungen einem Cocktail gleichen, dem Wasser beigemischt wird. Das verdirbt die köstliche Reinheit des frischen Wassers und schadet andererseits dem Cocktail. Mit den Schlagern, den Tänzen und Parodien kann man restlos einverstanden sein. Es ist ein Vergnügen dieser kultiviertesten Kabarettkunst zu lauschen.

Die Kardosch-Sänger zeigten sich im Künstlerhaus, das vom Beifall erschüttert wurde. Sie sind heute und morgen noch einmal dort zu treffen. K.L.“

Eine weitere überwiegend begeisterte Kritik desselben Konzerts erscheint in der Sächsischen Volkszeitung am 15.Dezember 1934. Auch hier natürlich die pflichtgemäß-zeittypische Kritik an der Darbietung der Volks- und klassischen Lieder, wobei auffallend ist, dass der Ton wesentlich weniger scharfzüngig ist als in ähnlichen Kritiken der Comedian Harmonists. Die Kardosch-Sänger werden als vermeintlich „rein-arisches“ Ensemble wohlwollend-freundlich beurteilt, wo die Comedian Harmonists in ähnlichen Fällen erbarmungslos verrissen wurden.

Gastspiel der Kardosch-Sänger

Im Künstlerhaus ist für drei Tage ein lustiges Quintett eingekehrt, die Kardosch-Sänger, denen bei ihrem erstmaligen Auftreten am Donnerstag ein stürmischer Erfolg beschieden war. Vier Sänger, einer am Flügel singen in bunter Reihe Lieder und Schlager, sogar (leider) Kunstlieder von Schubert und Mozart und unterhalten die Hörerschaft aufs beste. Nach Art der Comedian Harmonists unterstützen sie ihr von erheblicher Musikalität (trotz allen Unsinns!) zeugendes Singen durch lebhafte Mimik – allen voran der urkomische Bassist – und durch Imitation von Instrumenten, so dass man manchmal Saxophone und andere Jazzinstrumente zu hören glaubt. Unverwüstlich in ihrer frohen Laune, dazu im Stimmlichen Famoses leistend, lassen sie die Zeit im Fluge vergehen. Denn sie sind wirklich witzig und vermeiden aus gutem Geschmack heraus, albern zu werden. Man kann also jedem, der die Frau Musica einmal von ihrer heitersten Seite kennenlernen will, nur raten, zu den Kardosch-Sängern zu gehen. Nur Lieder wie das „Ständchen“ von Schubert oder gar Mozarts „Wiegenlied“ sind, auf diese Manier gesungen schwer ertragbar. Jedem das Seine, und die Kardosch-Sänger haben bei ihrem unerschöpflichen Schlager-Repertoire es nicht nötig, solche Lieder – zu trivialisieren. Von den Volksliedern wirkten einige famos, andere gehörten jedoch auch nicht in diesen übermütigen Rahmen. Lachen – Beifall – Zugaben. Dr. W.

Die Gruppe war häufig an Bunten Abenden beteiligt, die oft im Radio übertragen wurden, wie zum Beispiel im Dezember 1934 bei Radio Hilversum, oder am 20. Januar 1935 beim Reichssender Königsberg. Für einen solchen Abend erhielten sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eine Gage von 450 RM. Über ihren Auftritt bei einem solchen Unterhaltungsabend im November 1934 schreibt das Karlsruher Tagblatt am 25. November 1934:

Das beste boten indessen unzweifelhaft die Kardosch-Sänger, vier Leutchen (sic) mit verblüffender Beherrschung des Technischen und mit ausgeprägt eigener Haltung. Sogar gütig parodierte Volkslieder fanden durch diese Künstler von Rang, denen Prof. Stephan Kardosch ein köstlich mitkokettierender Begleiter ist, lebhaftesten Widerhall.“

Werbung für die „September-Neuheiten des Lindström-Konzerns“, 1934

Am 7. Januar 1935 unterzeichnen die Kardosch-Sänger einen Alleinvertretungsvertrag mit dem Internationalen Konzert-Tournee-Büro Oscar Angerer in Stuttgart (dem Veranstalter der Reichert-Tourneen), der interessante Einblicke in die geschäftliche und künstlerische Situation der Gruppe bietet. Laut István Kardos wusste Angerer von seiner jüdischen Herkunft, schien aber trotzdem an eine Zukunft der Gruppe zu glauben. Der Vertrag erstreckte sich auf „ganz Europa“, zunächst für die Dauer eines Jahres mit „Prolongationsrecht auf ein weiteres Jahr unter gleichen Bedingungen“.

Angerer garantierte Kardos (als kaufmännischem und künstlerischem Leiter des „modernen Gesangsquintetts Kardosch-Sänger“) eine mindestens 6 Monate dauernde Tournee für das Jahr 1935 mit einer garantierten Abendgage von 120 RM. Außerdem mindestens 40 abendfüllende Konzerte zum Honorar von 250 RM. Die freibleibende Zeit des Jahres sollte mit abendfüllenden Konzerten oder Tournee-Gastspielen aufgefüllt werden. Fahrt- und Reisespesen (Eisenbahn – Schnellzug 3. Klasse -, Auto oder Omnibus) trug das Konzertbüro Angerer. Nachmittagsvorstellungen wurden mit der halben Tagesgage vergütet, zwei volle Konzerte pro Tag sollten aber im Interesse der „künstlerischen Leistungsfähigkeit“ vermieden werden und nur an höchstens 10% der Termine stattfinden.

Unter anderem heißt es: „Es ist Herrn Kardosch bekannt, dass beinahe täglich Herr Kardosch und seine Herren sich auf Reisen befinden. Sämtliche Herren reisen bezüglich ihrer Person und ihres Gepäcks auf eigenes Risiko.“

Das Programm der Konzerte sollte in Absprache mit Oscar Angerer gestaltet werden, ebenso waren Kündigungen und Umbesetzungen mit ihm abzusprechen. Kardos garantierte im Falle einer Kündigung eines seiner Herren, die „Position innerhalb des Quartetts gleichwertig zu ersetzen“.

Und auch hier: „Herr Kardosch verpflichtet sich ausdrücklich dafür zu sorgen, dass Herr Kardosch und seine Herren bei der betreffenden Fachschaft der Reichsmusikkammer organisiert und im Besitz des notwendigen Ausweises sind.“

Die Kündigungsfrist zwischen „Herrn Kardosch und einem der Herren Sänger, oder umgekehrt“ betrug ein halbes Jahr.

Die „Herren Sänger“ erklären sich am 7. Januar mit diesen Bedingungen einverstanden.

Anfang 1935 sind sie mit Barnabas von Géczy und seinem Orchester, und erneut mit Willy Reichert unterwegs:

Innerhalb einer Woche gastierten die Kardosch-Sänger im Februar 1935 gleich zweimal mit Willy Reichert in Karlsruhe: eine Woche vor dem öffentlichen Gastspiel am 10.2. gab es am 3. Februar einen Auftritt bei einem Kameradschaftsabend für die Beamten, Angestellten und Arbeiter der Stadt Karlsruhe, ein Anlass bei dem István Kardos mit einigen Bauchschmerzen am Flügel gesessen haben dürfte, denn „Der große Festhallesaal war durch Tannengrün und die Symbole des neuen Reiches […] festlich geschmückt“ und Vertreter von NSDAP, SS und der Organisation Kraft durch Freude waren reichlich zugegen. Vor den Auftritten von Reichert und seinen Künstlern gab es Reden, Sieg-Heil-Rufe, sowie Deutschland- und Horst-Wessel-Lied. Man mag sich kaum vorstellen, mit welchen Gefühlen er, der „getarnte Jude“, die Bühne betrat.

Angesichts ihres strammen Tourneeplans wundert man sich fast, wie die Kardosch-Sänger noch die Zeit fanden, ins Studio zu gehen, um Platten aufzunehmen, und tatsächlich nahmen sie im Jahr 1935 im Vergleich zu 1934 weniger Platten auf. Zwei von ihnen, Zeno Coste und Paul von Nyiri, heiraten in diesem Jahr, Nyiri in Florenz, Coste in Berlin. Kardos zeigt sich in einer Eidesstattlichen Versicherung vom 3. Juli 1956 für das Entschädigungsamt in Berlin überzeugt:

„…. angesichts des hohen Niveaus, der Popularität und dem Anerkennen, die die KARDOSCH-SÄNGER genossen haben, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass ich noch viele Jahre hindurch mit mindestens solchem materiellen Erfolg in Deutschland hätte arbeiten können“.

Dem sollte, wie bekannt, nicht so sein. Im Laufe des Jahres 1935 entstanden zum Beispiel noch Titel wie „Der Kleine Postillon“, „Kleine Rosmarie“ und „Marietta“ (großartige Beispiele dafür, wie Kardos es verstand, seine Sänger auch solistisch glänzen zu lassen), das frech-ironische „Wenn der Bobby und die Lisa“ und zwei Aufnahmen mit Peter Kreuder, darunter ihr einziger englisch gesungener Titel „Lookie lookie lookie, here comes Cookie“. Als letzte Aufnahmen entstanden „Sie trägt ein kleines Jäckchen in Blau“ und „Ich schwöre nur auf Liese“ am 29. November 1935. Zu diesem Zeitpunkt hatte István Kardos bereits seine Wohnung in der Nürnberger Straße gekündigt und sich mit seiner Frau in der Pension von Eberswald in der Joachimsthaler Straße 9 (das berühmte Kranzler Eck, wo sich spätestens ab Januar 1935 die Geschäftadresse der Kardosch-Sänger befand) polizeilich gemeldet. Von dort aus floh das Ehepaar heimlich aus Berlin und ging zurück nach Budapest.

Die übrigen Kardosch-Sänger traf seine Flucht unerwartet. Das frisch vermählte Ehepaar Nyiri ging 1938 ebenfalls zurück nach Budapest. Coste blieb zunächst noch in Berlin, sang zeitweise beim Meistersextett mit, nahm einige Platten als Refrainsänger auf, und versuchte vergeblich, ein Engagement an der Opéra Comique in Paris zu bekommen, bevor schließlich auch ihn die Umstände zwangen, in seine Heimat zurückzukehren. Angermann und Schuricke blieben aktiv in der Unterhaltungsszene der NS-Zeit, wobei Angermann sich eher dem Oper-, Operetten- und Liedgesang zuwandte, während Schuricke sich ganz auf die leichte Unterhaltungsmusik konzentrierte. Kardos und Nyiri dürften sich nach dem Krieg gelegentlich in Budapest getroffen haben, und mindestens bei einem von Nyiris häufigen Radioauftritten wurde er von Kardos – der für den Rundfunk arbeitete – am Klavier begleitet. Coste versuchte 1969 über Willy Reichert zu erfahren, was aus seinen früheren Kollegen geworden war. Zumindest anfänglich verfolgte er noch Schurickes Karriere.

Ein Bericht über eines der letzten Konzerte der Kardosch-Sänger, Anfang November 1935.
Die Kardosch-Sänger im November 1933 in Dänemark

Quellen: