„What was really killing Paul was his abandonment of the outside world, his horror of facing his own position as an obscure musician in Italy“

Frederic O’Brady (Frigyes Ábel) über seinen Bruder


Pál Ábel war der Bruder des ungarisch-stämmigen Schauspielers und Autors Frederic O’Brady, der eigentlich Frigyes Ábel hieß und erfreulicherweise im Jahr 1964 unter dem Titel „All Told“ seine Memoiren veröffentlichte, die einigen Aufschluss über das bisher recht mysteriöse Leben des Gründers der Abel-Sänger geben. Natürlich beschreibt Ábel/O’Brady einige Szenen überspitzt und immer mit einem Anflug satirischen Humors; über seinen Bruder schreibt er, obwohl er seine Schwächen nicht verschweigt, mit großer Zuneigung.

Bis 1915 lebte die Familie in einem vierstöckigen Wohnhaus in Buda, zwischen dem Szent-Lukács-Heilbad auf der einen, und dem Budai Irgalmasrendi Kórház (Krankenhaus des Budaer Ordens der Barmherzigkeit) auf der anderen Seite. Zwischen dem Wohnhaus und dem Krankenhaus befindet sich noch heute die Üstökös utca. 1915 zogen die Ábels nach Pest.

Leider bietet er nur wenig an konkreten Daten, so das viele Ereignisse nur ungefähr zeitlich eingeordnet werden können. Sein Bruder Pál war drei Jahre älter als er, das heißt Jahrgang 1900, und die beiden hatten noch eine Schwester, die leider, wie so viele in O’Bradys Autobiografie, namenlos bleibt. Die Mutter war die Tochter einer Französin und eines russischen Offiziers und in Wien aufgewachsen. Ihr Mann war Getreideexperte und arbeitete am Kornmarkt. Zuhause wurde ungarisch, deutsch und französisch gesprochen (wobei O’Brady meint, seine Mutter habe eigentlich nur Wiener Dialekt gesprochen). Wie die Sänger seines späteren Quartetts, war auch Pál Ábel jüdischer Abstammung.

O’Brady beschreibt seine Kindheit als nicht besonders glücklich und als geprägt von häufigen Streitigkeiten der Eltern und hysterischen Ausbrüchen der Mutter, wobei natürlich nach außen hin die bürgerliche Fassade einer harmonischen Ehe gewahrt blieb. „Drama surrounded us everywhere.“ („Drama umgab uns überall.“) Er erwähnt mehrere Verwandte, die Selbstmord begingen beziehungsweise in Nervenheilanstalten endeten. Andererseits war ein Onkel, den die Familie „lächerlich“ und „verschroben“ fand, einer der Pioniere der modernen Physik.

„My brother had an extraordinary gift for music….“

Pál Ábel war ein musikalisches Naturtalent und bekam eine Geige als er fünf Jahre alt war, während sein Bruder Frigyes Klavierspielen lernte, und so die beiden später zusammen musizierten. Sein Bruder beschreibt ihn als ungewöhnlich gutaussehend (Fotos wie zum Beispiel dieses hier bestätigen diese Einschätzung) und als notorischen Schürzenjäger schon in seiner Jugend. Daneben wird er auch als launisch und ein wenig schwierig beschrieben – O’Brady erzählt, wie er einmal seine Mutter fragte, warum sie seinen älteren Bruder bevorzuge, worauf sie antwortete Pál brauche ihren Schutz, weil er streitlustig sei und nicht gut mit „Papa“ auskomme.

Pál Ábel absolvierte die Musikhochschule in Budapest und ging nach Deutschland, wo er sich kurzerhand zum „Professor“ machte – O’Brady schreibt ironisch: „…which was probably indispensable in a German music-hall career“ („was vermutlich unabdingbar war für eine Karriere in deutschen Varietés“) und 1928 ein Gesangsquartett gründete: Das Abel-Quartett.

Die Brüder begegneten sich gelegentlich in Deutschland (O’Brady arbeitete mittlerweile als Schauspieler und tourte, wie er selbst sagt, mit einer „Vierzehnt-klassigen Revue“). Über ein solches Treffen schreibt O’Brady:

„Visions of 1928 Berlin come in flashes: my unshaved brother in a dressing gown rehearsing with his quartet at 4 p.m. in a tiny room where the explosions were like the sonic boom; the hulk of a giant bass singer…“

(„Visionen von Berlin 1928 tauchen auf wie Blitze: mein unrasierter Bruder in einem Morgenmantel, wie er um 4 Uhr nachmittags mit seinem Quartett in einem winzigen Zimmer probt wo die Explosionen wie ein Überschallknall klangen; der Riese von einem Bass-Sänger….“)

Einmal traf er in Köln auf seinen erfolgreichen, gutaussehenden und gut gekleideten Bruder, der fand er sei zu schäbig angezogen und ihm modische Knickerbocker und Schuhe kaufte.

Ein anderes Mal forderte Pál seinen Bruder auf, sich dringend zum Deutschen Theater in München zu begeben. Die Abels traten dort in einer Revue auf. Wie O’Brady erzählt: „Die Gruppe hieß ‚die 4 Abels‘, aber mit meinem Bruder am Piano waren sie fünf, und er wollte einen speziellen Scheinwerfer auf sich selbst haben, bevor die vier anderen Gesichter angeleuchtet wurden. Wenn mich jemand im Deutschen Theater fragte, wer ich sei, antwortete ich: ‚ich bin der sechste der vier Abels‘.“

Pál Ábel hatte der Revue einen mit der Leitung eines 40-köpfigen Orchesters hoffnungslos überforderten ungarischen Dirigenten empfohlen (eigentlich ein Kabarett-Pianist und Schlagerkomponist, den er – „weil er Sinn für Humor hatte“ – ebenfalls zum „Professor“ beförderte). Peter Kreuder, der damals am Deutschen Theater arbeitete, brachte am Klavier Ordnung in das folgende musikalische Chaos, und zu seiner Unterstützung wurde Frigyes Ábel als weiterer Pianist eingesetzt. Der eigentliche Grund für den Ruf nach München war aber, dass er den ebenfalls an der Revue beteiligten Tiller-Girls das Ukulele-Spielen beibringen sollte.

Noch zuhause in Budapest hatte Pál Ábel Mitte der 20er Jahre die Opernsängerin Kató Halász geheiratet, über die sein Bruder schreibt „she adored my brother as everyone else did“ („sie betete meinen Bruder an, wie Jedermann“) und die er wenig schmeichelhaft als „groß, dick und süß“ beschreibt. In Ungarn und Deutschland waren die beiden seit ungefähr 1925 mit einer von Pál Ábel komponierten „Simultanoper“ aufgetreten. Die Ehe litt aber unter seinen zahlreichen Affären – eine davon zum Beispiel mit einer hübschen Stenotypistin in den Homocord-Studios in Berlin, „die er unbedingt jeden Tag besuchen musste“. Neben Charme, Musikalität und gutem Aussehen besaß Pál Ábel auch schwierige Züge: trotz seiner eigenen Affären konnte er fast krankhaft eifersüchtig sein und neigte dann auch zu heftigen verbalen Attacken gegenüber seiner Frau.

Das Ende des Abel-Quartetts beschreibt O’Brady so:

„Then his singers revolted, because he thought he ought to get paid more than they, as their arranger and pianist. It was a quartet, but they were five, counting him. My brother did not yield; the team broke up and he went to Milan, on spec, rather than accept one of five equal parts.“

(„Dann rebellierten seine Sänger, weil er dachte, er sollte mehr bezahlt werden als sie, als ihr Arrangeur und Pianist. Es war ein Quartett, aber sie waren fünf, ihn mitgezählt. Mein Bruder gab nicht nach; das Team brach auseinander und er ging lieber auf gut Glück nach Mailand als eine von fünf gleichwertigen Rollen anzunehmen.“)

Seine Frau ging zunächst mit ihm nach Italien und hatte ein Engagement an der Mailänder Oper, ließ sich aber Mitte der dreißiger Jahre scheiden. Pál Ábel schrieb nun „schmalzige Schlager“ und gelegentlich Filmmusik – von ihm stammt zum Beispiel die Musik zu dem frühen Marcello-Mastroianni-Film „Vertigine d’amore“ und zu „I peggiori anni della nostra vita“, beide aus dem Jahr 1949.

Zwischen Berlin und Mailand nahm Pál Ábel in London Anfang der 30er Jahre zahlreiche Platten für die Firma Durium auf, die flexible, nur einseitig bespielbare Platten bestehend aus dem neu-entwickelten Kunststoff „Durium“ produzierte, die in der Herstellung wesentlich billiger waren als herkömmliche Schellackplatten.

Die erste Aufnahme auf dieser Platte, Verso le tre, ist eine Komposition von Pál Ábel. Die Durium Platten waren zwar nur einseitig bespielt, hatten aber eine Spielzeit von fünf Minuten, so dass sie trotzdem zwei Titel enthalten konnten.

Mitte der dreißiger Jahre erhielt O’Brady in Paris Besuch von seinem Bruder – gut gekleidet, mit einem teuren Koffer in der Hand, angeblich auf dem Weg nach Hollywood um Musik für einen M-G-M-Film zu schreiben. O’Brady beschreibt die Szene mit großem Humor: er selbst lebte damals mit seiner englischen Ehefrau in vergleichsweise bescheidenen Umständen als Schauspieler in Paris, und in der Mitte seines Zimmers stand ein großes Marionettentheater. Sein Bruder verbringt die Nacht bei den beiden und, am nächsten Morgen, wie O’Brady schreibt, „konnte ich nicht umhin herauszufinden, dass er vollkommen pleite war“.

Ein paar Tage später taucht eine junge Frau mit einem Baby im Arm auf, und es stellt sich heraus, dass Pál, der in Rom eine Beziehung mit seiner Pensionswirtin begonnen hatte, weil er seine Miete nicht mehr bezahlen konnte, eine Affäre mit ihrem Zimmermädchen hatte. Als dieses schwanger wurde und drohte, die Bombe platzen zu lassen, bestieg Pál Ábel kurzerhand den ersten Zug nach Paris, wohin ihm das Zimmermädchen (plus neugeborenem Baby) auf dem Fuße folgte.

Die drei beziehen ein Zimmer in einem kleinen Hotel, verbringen aber jeden Tag einige Stunden bei Páls Bruder und seiner Familie, der mittlerweile die französische Staatsbürgerschaft beantragt hatte. Die Situation kulminiert in Szenen, die einer Boulevard-Komödie ähneln: ein Einwandererungsbeamter taucht auf, während die junge Mutter (Italienerin) ihr Baby stillt, Pál Ábel (Ungar) auf dem Klavier herumklimpert, ein österreichischer Flüchtling Marionetten repariert und die englische Ehefrau eine Tasse Tee genießt.

O’Brady erhielt die französische Staatsbürgerschaft erst zehn Jahre später.

Eine Woche später taucht Tina, die römische Pensionswirtin auf, und fordert Ábel auf, die Situation zu klären, nach Rom zurückkommen und sie zu heiraten. Und so geschieht es. Allerdings soll das Zimmermädchen später noch ein weiteres Kind von Pál Ábel bekommen haben. Ob aus seiner Ehe mit Tina Kinder hervorgingen, wird nicht erwähnt.

Es vergehen nun fast 20 Jahre bevor die Brüder sich wiedersehen.

Im Juni 1953, nachdem sie sich während des Krieges und der Nachkriegsjahre aus den Augen verloren hatten, fährt O’Brady nach Rom um seinen Bruder zu besuchen. An der Adresse der Pension in der Via degli Scipioni empfängt ihn eine grauhaarige weinende Frau, die ihm erzählt, dass „Paolo“ ernsthaft krank und zur Kur in den Umbrischen Bergen sei. An der dortigen Adresse trifft er einen gebeugten, gelblich ausehenden Mann, den er nur an der Art, wie er die Hand hebt, um zu winken, erkennt. Pál ist an Tuberkulose erkrankt.

Nachdem die beiden sich auf eine Sprache für die Unterhaltung geeinigt haben, sprechen sie über ihre Kindheit – die Pál als weit weniger unglücklich erinnert als der jüngere Bruder, aber natürlich kann das damit zu tun haben, dass er – der ältere, hübschere, begabtere – der Liebling der Mutter war.

Pál ist in schlechter Verfassung, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch.

Sein Bruder schreibt: „…. what was really killing Paul was his abandonment of the outside world, his horror of facing his own position as an obscure musician in Italy.“

(„… was Paul wirklich umbrachte, war seine Verlassenheit von der Außenwelt, sein Entsetzen über seine eigene Position als obskurer Musiker in Italien.“)

Der Arzt meint, der Besuch sei effektiver als jede Behandlung. Sein Patient ist „niedergeschlagen und desillusioniert“. Der Bruder versucht sein Möglichstes um ihn aufzumuntern. Er versucht, ihn zu ermutigen als Musiker neue Wege zu suchen:

„A man like Paul could have attempted a new style, a modern Italian opera buffa, sprightly, moving and flashy.“

(„Ein Mann wie Pál hätte einen neuen Stil versuchen können, eine moderne italienische Opera buffa, spritzig, bewegend und schrill.“).

Im Versuch, ihn zu ermutigen, erreicht der Jüngere das Gegenteil: seine Erwähnung dass das französische Fernsehen eine von ihm komponierte Kurzoper ausgestrahlt habe, bestürzt Pál zutiefst weil sie ihn an seinen eigenen Mangel an Erfolgen erinnert – dabei war die Musik seit ihrer Kindheit seine Domäne gewesen -, und mutlos entgegnet er: „…if I proposed anything to the Italian networks, they’d just laugh at me“ („Wenn ich den italienischen Sendern irgendetwas vorschlagen würde, würden sie mich auslachen.“)

Im Sanatorium wird ein Zusatzbett in Pál Ábels Zimmer gestellt, und die Brüder reden nächtelang, wie sie es als Kinder getan hatten, abwechselnd in Ungarisch, Deutsch, Englisch und Italienisch. Sie sprechen über die entscheidenden Momente in ihren Karrieren. Pál erwähnt drei Sommer in Viareggio, während derer er eine kleine Kapelle dirigierte und die Sommernächte in Gesellschaft schöner Frauen genoss. Er gewann sogar einmal einen Schönheitswettbewerb für Männer.

„Then his eyes sank back into darkness as he said that the last time he had gone to Viareggio he already felt very ill and he could not help thinking how others would go on petting and kissing on the beach on summer nights, ‚and I would be dead‘, said Paul, ‚and it made me so sad to think all this would be going on without my being there that I sat down and wept‘.“

Dann versanken seine Augen wieder in Dunkelheit, als er sagte, dass er sich bei seinem letzten Besuch in Viareggio schon sehr krank gefühlt habe und er nicht anders konnte, als daran zu denken, dass sich andere in den Sommernächten am Strand liebkosen und küssen würden, ‚und ich wäre tot‘, sagte Paul, ‚und es machte mich so traurig, daran zu denken, dass all dies ohne mich weitergehen würde, dass ich mich hinsetzte und weinte‘.“

Pál Ábel starb nach einigen weiteren Aufenthalten in Sanatorien 1958 an Tuberkulose.


Dieser Artikel basiert auf Frederic O’Brady’s Memoiren „All Told“, Simon and Schuster, New York, 1964.

Pál Ábel auf Durium: https://www.discogs.com/artist/1527022-Paul-Abel