Budapest-Berlin-Budapest: Die „deutschen Revellers“ sind Ungarn!

Die Geschichte der Kardosch-Sänger beginnt eigentlich mit den Abels, deshalb möchte ich ihnen hier auch ein paar Zeilen widmen, obwohl sich mein Wissen über die Gruppe noch in Grenzen hält. Hier gestalten sich die Recherchen aufgrund der Sprachbarriere und der schlechten Informationslage sehr schwierig!

Die Abels bilden den allerersten Eintrag in Wolfgang Schneidereits „Discografie der Gesangsinterpreten der leichten Muse von 1925 bis 1945 im deutschsprachigen Raum“, der stolze 22 Seiten umfasst. Zum Vergleich: die Original-Comedian Harmonists bringen es auf 19 Seiten, die Kardosch-Sänger sogar nur auf 12. Natürlich ist Quantität allein kein Qualitätsmerkmal, aber die Produktivität der Gruppe belegt ihre Präsenz und ihren Erfolg zwischen Mitte 1928 und Januar 1933.

Aber wer waren die Abels, die in der nebenstehenden Anzeige als „deutsche Jazzsänger“ beworben werden?

Fest steht, die Gruppe wurde nicht, wie in manchen Publikationen dargestellt, in einem Versuch gegründet den Erfolg der Comedian Harmonists zu kopieren, vielmehr entstanden die Abels ungefähr gleichzeitig und veröffentlichen ihre ersten Aufnahmen sogar vor den großen Konkurrenten: Mit „Ich steh mit Ruth gut“ vom Sommer 1928 lieferten sie die erste Platte in diesem Stil für den deutschen Markt – einige Wochen vor der ersten Veröffentlichung der Comedian Harmonists.

„Die deutschen Jazz-Sänger“ Anzeige vom 29.9.1929. Quelle Staatsbibliothek Berlin
Die ungarische Zeitung Újság berichtet am 29. August 1928 stolz über die Erfolge der „4 Abels“ in Deutschland: ein Plattenvertrag und ein Engagement am Deutschen Theater in München

Ihr bekanntestes Foto, erschienen in Josef Westners Artikel „Die Abels – Ein deutsch-ungarisches Pionier-Ensemble“, zeigt sitzend am Flügel ihren Gründer Pál Abel, dahinter von links nach rechts: Jenő Vigh, den ersten Tenor, József Balassa, den zweiten Tenor, Rezső Feleki, den Bariton, und Imre Révész, den Bass.

Vigh, geboren am 19. Juli1894, arbeitete als Journalist und schrieb Gedichte, bevor er Anfang der zwanziger Jahre eine Gesangsausbildung als lyrischer Tenor machte und 1922 als Sänger bei einem Kirchenkonzert in Szeged debütierte. Wie Vigh stammte auch Balassa aus Szeged, und beide waren schon im Dezember 1918 in ihrer Heimatstadt an der Gründung der Philharmonischen Gesellschaft beteiligt gewesen, Vigh als Violinist. In den zwanziger Jahren hatten sie beide Engagements am dortigen Theater. Nach Gesangsstudien in Berlin wurde Vigh 1925 als lyrischer Tenor am Stadttheater Aachen engagiert, wo er unter dem Namen Eugen Wigh auftrat. Balassa ging speziell wegen seiner Liebe zur Wagner-Oper nach Deutschland, da er in Ungarn wenig Aussicht für sich sah, Wagner-Rollen singen zu können. Beide hatten Engagements an verschiedenen deutschen Theatern, bevor sie sich Pál Ábels Gesangsquartett anschlossen.

Feleki, geboren am 26. Dezember 1900, hatte 1923 seinen Abschluss an der Musikhochschule in Budapest gemacht und danach an Opernhäusern in Bratislava, Weimar, Beuthen und Gleiwitz Rollen als lyrischer Bariton gesungen. 1929 heiratete er in Berlin die wie er aus Budapest stammende Margit Fischer.

Révész war Jahrgang 1888 und arbeitete vor seiner Zeit bei den Abels als Kantor in Deutschland. Pál Ábel, 1900 geboren, hatte im selben Jahr wie Feleki die Musikhochschule abgeschlossen. Wie die anderen war er jüdischer Abstammung und der Bruder des später einigermaßen bekannten Schauspielers Frederic O’Brady (eigentlich Frigyes Ábel). Um 1930 verließ er Berlin (und damit auch die Abels), um in London für die Plattenfirma Durium zu arbeiten. Aus dieser Zeit existieren einige Aufnahmen mit Pál Ábel (der sich nun Paul Abel nannte) als Dirigent, wie zum Beispiel diese hier.

Sein Bruder erzählt in seinen 1964 erschienenen Memoiren, Pál Ábel habe sich von seinem Quartett getrennt, weil die anderen Mitglieder nicht damit einverstanden waren dass er als Pianist und Arrangeur einen größeren Anteil der Gagen erhalten sollte:

„Dann rebellierten seine Sänger, weil er dachte, er sollte mehr bezahlt werden als sie, als ihr Arrangeur und Pianist. Es war ein Quartett, aber sie waren fünf, ihn mitgezählt. Mein Bruder gab nicht nach; das Team brach auseinander und er ging lieber auf gut Glück nach Mailand als eine von fünf gleichwertigen Rollen anzunehmen.“

Am 13 . Juli 1930 berichtet die Szegeder Zeitung Délmagyarország mit großem Stolz über die deutschen Revellers – die eigentlich Ungarn seien, zwei davon aus Szeged (Balassa und Vigh). Es heisst, sie hätten sich in diesem Jahr von Pál Ábel getrennt und seien nun unter neuem Namen unterwegs:

Seitdem touren sie als die 5 Songs über die deutschen Bühnen und ziehen nun nach London. Die 5 Songs sind heute das bekannteste deutsche moderne Sängerquintett, nur zu Hause wissen wir, dass alle 5 Songs Ungarn und zwei aus Szeged sind: József Balassa und Jenő Vigh. Im Winter tourten sie durch Berlin und Hamburg, Dresden, Leipzig, Köln, Hannover, Karlsbad, am Rhein – sie sangen im Berliner Radio, traten in einem ganzen Heer deutscher Theater auf und machten große Verträge mit den Berliner Grammophonstudios […] jetzt sind sie im Urlaub ein bisschen nach Hause gekommen [….] Aber der Urlaub dauert nicht lange, denn am 23. müssen sie schon im Berliner Radio singen und im September segeln die 5 Songs nach London: die ungarische Mannschaft der deutschen Revellers ist über die deutschen Grenzen hinausgewachsen…“

Nach Ábels Weggang teilten sich Rudolf Goehr und István Kardos die musikalische Leitung der Gruppe. Aus der Perspektive des Jahres 2021 ist ihre Mitwirkung an dem legendären Film „Ekstase“ ein besonders bemerkenswerter Aspekt ihrer Karriere: sie sind in dieser Szene zu hören. Leider weiß man nicht wer hier am Klavier saß: Kardos, Goehr oder jemand anders?

Hinten: Vigh und Kardos, vorne Révész, Balassa und Feleki. Foto von Josef Westner

Außer in „Ekstase“ waren die Five Songs auch in dem Film „Es war einmal ein Walzer“ zu hören, hochkarätig besetzt unter anderem mit Martha Eggerth, Ida Wüst, Paul Hörbiger und Ernst Verebes. Der Titel den sie singen heisst: „Wo steckst du Mädel mit dem süßen Profil“. Die Musik stammte von Franz Lehár, das Drehbuch von Billy Wilder. Neben den Five Songs war auch der Tenor Marcel Wittrisch beteiligt.

Zu einer Abels/Five Songs-Playlist geht es hier.

Da alle Five Songs jüdischer Abstammung waren, gingen die ungarischen Mitglieder außer Kardos in weiser Voraussicht nach dem Januar 1933 nach Ungarn zurück. Rudolf Goehr emigrierte nach Paris. Lediglich István Kardos, der wohl hoffte, es handle sich bei der nazistischen Verblendung der Deutschen nur um eine vorübergehende „Phase“ oder vielleicht auch, dass er, der sich selbst wenig „jüdisch“ fühlte, nicht von Diskriminierung betroffen sein würde, blieb in Berlin. Möglicherweise glaubte er auch, seine Herkunft weiterhin verbergen zu können. Um ihn herum verschwanden langsam aber sicher seine jüdischen Künstlerkollegen. Schon im Sommer 1932 hatte er die Kardosch-Sänger gegründet, vermutlich weil abzusehen war, dass das Ende der Five Songs nur eine Frage der Zeit war.

Eine der letzten Aufnahmen der Five Songs vom 30. Januar 1933 mit dem Orchester Marek Weber. Auch Marek Weber war Jude und ging ebenso wie die Five Songs und der Komponist des Stückes, Paul Abraham, kurz nach dieser Aufnahme ins Exil.

Im Februar 1933 nahmen die Five Songs in Berlin jedoch noch mindestens zwei weitere Stücke auf: zusammen mit Kurt Mühlhardt singen sie als anonymes Quartett „Grete ging im Wald spazieren“ (auf Kristall 7022 und 7023) und „Kikeriki“ (Kristall 7022).

In Budapest fanden sie einen neuen Pianisten und Arrangeur: György Gerő, geboren 1907. Wegen des numerus clausus, der in Ungarn ab 1920 die Anzahl jüdischer Studierender an den Universitäten auf 6% begrenzte, hatte er keinen Universitätsabschluss machen können. Gerő und drei der Five Songs, nämlich Balassa, Vigh und Révész, schlossen sich in Budapest zusammen und hatten einige Jahre lang als Triumph Együttes eine erfolgreiche Karriere als Radio- und Schallplattenstars. Feleki war nicht mehr dabei, er arbeitete mittlerweile als Kantor und Gesangslehrer, trat aber auch gelegentlich mit Liedern im Radio auf.

Die Triumph Együttes: Pesti Lány
György Gerő im hellen Anzug am Flügel, daneben Tivadar Pallós mit seinen Pallós Ladies, dann Balassa, Vigh und Révész. Foto: MTVA Archivum
Juni 1935. Foto: MTVA Archivum

Ende der dreißiger Jahre war die Karriere der Triumph Együttes in Ungarn aufgrund der hinreichend bekannten Umstände beendet. Ihr Schicksal in den vierziger Jahren ist unbekannt, man weiß nur, dass Gerős erste Ehefrau Margit Scheiber im Konzentrationslager Dachau umkam. Gerő wurde ebenfalls deportiert, konnte jedoch fliehen. Auch Felekis erste Frau fiel dem Holocaust zum Opfer. Vigh, Feleki, Révész und Gerő überlebten, vermutlich versteckt im Untergrund oder als Zwangsarbeiter, Balassas Schicksal ist leider bisher ungeklärt

Vigh arbeitete nach dem Krieg wieder als Musikjournalist und Kritiker und veröffentlichte einige Bücher („Wenn Haydn ein Tagebuch geführt hätte“, „Wenn Tschaikowski ein Tagebuch geführt hätte“).

Jenő Vigh (rechts, mit Brille) in einem Foto aus dem Jahr 1929
Kurz vor seinem Tod

Feleki war wie schon erwähnt Kantor und Gesangslehrer und trat jahrzehntelang häufig im Radio auf. Er unterrichtete an der Béla Bartók-Musikschule und war ungefähr zur selben Zeit wie Paul von Nyiri eine Zeitlang Solist des Honvéd Künstlerensembles. Sein langjähriger Mitarbeiter György Kármán erzählt: „Er sprach fließend Deutsch und war musikalisch und literarisch mit der deutschen Kultur vertraut.“ Bis zu seinem Tod 1981 war er Chefkantor und Lehrer im Rabbinerseminar in Budapest, der einzig verbliebenen Ausbildungsstätte für Rabbiner oder Kantoren in Osteuropa.

Feleki im Jahr 1947. Foto MTV Archivum
….und im Jahr 1953. Foto MTVA Archivum

Feleki (links oben) Anfang 1935. Foto MTVA Archivum

Es gibt von ihm einige spätere Gesangsaufnahmen mit klassischen Liedern (wie hier zum Beispiel Der Tod und das Mädchen, eine private Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1959) und mit hebräischen Gesängen wie dem folgenden, die 1977 auf der LP „Hebrew Melodies For Sabbath And High Holidays“ des Labels Hungaroton veröffentlicht wurden.

Von Imre Révész, der nach dem Krieg ebenfalls wieder als Kantor arbeitete, existieren zwei Aufnahmen aus den sechziger Jahren, die er in hohem Alter für die Anne-Frank-Gesellschaft einsang:

A Jiddische Mame, Imre Ben Révész
Shabbath-Ausklang, Imre Ben Révész
Rudolf Goehr auf einem Zeitungsfoto in den frühen 50er Jahren

Rudolf Goehr arbeitete nach seiner Emigration in Paris mit zwei Gesangsgruppen: den Cinq de la Chanson, die man hier hören kann, und den Minstrels. Darüber hinaus war er als Komponist aktiv – von den Comedy Harmonists (der Exilgruppe um die jüdischen Mitglieder der Comedian Harmonists) gibt es aus dem Jahr 1937 eine allerdings damals nicht veröffentlichte Aufnahme seiner bekanntesten Komposition „La Chanson des rues“. 1940 wurde er, wie viele Flüchtlinge aus Deutschland, in einem Lager in den Pyrenäen interniert. Seinem früheren Lehrer, dem Komponisten Arnold Schönberg, gelang es, für Goehr und seine Frau die Einreise in die Vereinigten Staaten zu erwirken, wo Goehr weiterhin als Komponist, Dirigent und Arrangeur tätig war. Er starb 1981 in Kalifornien.

Jenő Vigh starb am 16. April 1960 und ist wie István Kardos auf dem Budapester Farkasréti temető begraben. Resző Feleki starb 1981 und ist mit seiner zweiten Frau, der Malerin Anni Gáspár, auf dem Jüdischen Friedhof in der Kozma utca beerdigt. György Gerő starb 1983 im Alter von 76 Jahren. Zu József Balassa und Imre Révész besitze ich leider im Augenblick keine weiteren Informationen.


Quellen: